Rechtenfleth d. 6tn Octb. 1868.
Mein lieber treuer Wandergenoß.Glückseliger Vater u Gatte,Berühmt werdendes Menschenindividuum,Hochzuverehrender ordentlicher Professor u Museumsdirector,
Wackrer Kerl! –
Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben frohen herzenswarmen Brief mit seiner liebevollen Bitte, die mich zwar glücklich macht weil sie aus einem solchen Herzen kommt ud die ich Dir trotzdem leider rundweg abschlagen muß, so schwer es mir auch wird Dir bester u liebster Kerl etwas abschlagen zu müssen. Aber Du bist nicht der erste meiner Freunde dem dieses passirt. Höre denn das Warum.
Es ist nämlich einer meiner Haupt-Lebensgrundsätze bei keinem Kinde || gleich viel ob schwarz oder weiß, männlich oder weiblich, fremd oder verwandt ja wärs selbst ein Sonntags- oder gar ein Wunderkind Gevatter zu sein und zwar aus dem einfachen Grunde weil ich nie gedankenlos Pflichten überanehme von denen ich schon im Voraus weiß, daß ich sie nicht erfüllen kann. Die Pflicht eines Taufpathen ist nun bekanntlich mit dafür einzustehn daß der Täufling im rechtenb christlichen Glauben, auf welchen er getauft erzogen werde. Das ist nun schon an ud und [!] für sich eine schwere Aufgabe, in Anbetracht solcher Entfernung, einec doppelt schwere ud endlich bei d einem solchen Vater ein reines Ding der Unmöglichkeit. – Aber Du wirst vielleicht sagen „Sei doch nicht so penibel, so ein Pathe soll ja nur der Taufzeuge sein u weiter Nichts.“ Nein, mein Junge, so wohlfeil kommt man nicht davon ud gesetzten Falls der Pfarrer wollts auch so nehmen – nun dann gings doch auch nicht, denn während ich in Rechtenfleth sitze kann ich doch nicht || Zeuge sein daß der Jungee getauft ist. Ihr könntet ihn ganz ruhig beschneiden lassen ud ich wüßte von Garnichts. – Du siehst also, es geht einmal nicht u weil ich allen meinen anderen Freunden die f Gevatterschaft ihrer Jungens abgeschlagen habe so bist Du mir auch nicht böse darum, nicht wahr lieber Kerl? –
Nein, aber ich selbst möchte g die Taufe u Weihe vollziehen, das sollt anders kommen als wenn’s Se. Hochwürden thut. Drei Männer der Wissenschaft sollten dann ihre Hände auf das Haupt Deines Sohnes legen, ein Geognost, ein Botaniker u ein Zoolog, dann hielt ich h den jungen Weltbürger zuerst hoch der Sonne entgegen, mit den Worten:
Schau, das ist die Sonne die goldne die helle,
Das ist des Lichts und der Wärme Quelle Die Strahlen uns sendende Segen uns spendende,
Das ist die Sonne des Tages Gestirn
Freue dich ihrer u liebe die Klarheit
Ringe u strebe nach ewiger Wahrheit
Freue dich ihrer und strebe zum Licht
Sonst verdienst du sie nicht. – ||
Wäre der Act der Sonnenweihe dann vorüber so würde Dein Sohn der Erde geweiht und ins hohe Gras i an den Boden gesetzt und ich spräche j Folgendes:
Das ist o Sohn die Allmutter, die Erde
Drinnen u drauf herrscht ein ewiges Werde Das ist die hold in der Sonne erglühende Das ist die schöne, die grünende blühende – k Tief in der Tiefe sind finstere Gluten Droben sind Berge ud wallende Fluten
Und allüberall ist ein wundersam Weben, Sinken u Heben – Streiten u Streben, Tausendfach Sterben u tausendfach Leben, Ewig Verschwinden ud ewig Entfalten, Geschlecht auf Geschlecht ud Gestalt auf Gestalten.
Auf ihr sollst du leben, dich freun u genießen
Sie sollst du durchforschen, sie wird sich erschließen
Strebe u streife – schwelge u schweife Dringe hinein – sie sei dein, sie sei dein Und du selbst magst der Beste u Bravste drauf sein. –
Und ist auch l die Erdweihe vorüber dann nimmst du ud die Mutter ihn auf den Schooß. Die sämtlichen Anwesenden treten herzu ud m reichen dem jungen Weltbürger zum Willkommen die Hände. Dabei heißt es dann: ||
Schau das sind die Menschen, ergreif ihre Hände
Und habe sie lieb ud sei treu bis ans Ende. Doch halte dich nur zu den Echten u Reinen Und fliehe die Falschen, die Schlechten, Gemeinen;
Sei stark in Bedrängiß, sei muthig im Streit,
Doch weich, wenn bei Andern du Noth siehst ud Leid.
Erkennen ud Helfen, Genießen ud Streben Und Glück im Beglücken – das fülle dein Leben. –
Und endlich wird der Weinbecher ihm gereicht, dreimal muß er davon trinken, dann wird ihm der Rest feierlich über das Haupt ausgegossen. Dabei die Worte:
Empfange zum Schluß denn die herrlichsten Weihe
Nicht klebt sie am Dogma die fröhliche freie.
Empfange der Traube Wundersaft, Des Geistes Symbol und der Lebenskraft
o Entquollen den Brüsten der Allmutter Erde
Durchglüht von den Strahlen der himmlischen Sonne
So ward er bereitet auf daß er dann werde Den irdischen Herzen zur himmlischen Wonne. So lerne sie kennen die liebliche Labe So nimm sie die edle p die köstliche Gabe – Es werde zu Theil dir in Überfluß Des Daseins hochherrlichster Vollgenuß! –
Sieh mein lieber Kerl, q nur r das allein wäre die rechte passende Taufe für den || Sohn eines Naturforschers, für Deinen Sohn. So hab ichs mir ausgedacht u wie gern wollt ich bei solcher s Taufe Gevatter sein, nur verschone mich mit einer christlichen Pathenstelle, trotzdem daß ich Kirchenvorsteher bin u Mitglied der hochwürdigsten Landessynode war. – Und für Deinen Jungen will ich mich auch schon ohnehin genug imressiren und wenn er einmal t Gymnasiast oder Student ist (oder soll er nicht studieren) dann muß er einmal eine Fußreise nach Rechtenfleth machen und soll dann gute Tage beim alten Onkel Hermann haben der ihn hegen u pflegen wird u vielleicht einmal mit ihm nach Helgoland nehmen u ihn vor Allem in v Bremen in den Rathskeller einführen u zu ihm sagen „Sieh Junge ich will Dich lehren wie man kneipen muß und schwärmen u schwelgen. Dein Alter ist sonst ein fixer Kerl aber darin leider ist er ein rechter trauriger Stümper geblieben, das kommt aber allein von seinen || schlechten Jugendgewohnheitenw; als ich ihn in die Hände bekam wars leider zu spät, Du aber bist noch jung ud gelehrig. Junge, ich komm Dir was! Beginnen wir jetzt die Lection. – “
Doch genug davon jetzt. Nicht wahr, Du wirstx miry nicht böse, daß ich Deine Bitte abschlage. Willst Du später irgend einen Deiner vielen Jungen „Hermann“ nennen soll mirs immerhin lieb sein denn das ist ud bleibt doch ein gar schöner mannhafter Name nur mit einer christlichen Pathenstelle sollst Du mich verschonen.
Und leb wohl herzlieber Kerl. Grüße Dein Weib u den Kleinen und z feire einen fröhlichen Kindtaufsschmauß. –
Dein treuer
H. Allmers
verte ||
Mit Deiner Schöpfungsgeschichte bin ich jetzt bis zum 19 Vortrage gekommen Die dreiaa vorhergehenden waren durch die vielen gehäuften Namen weniger befriedigend. Jetzt aber scheint der Glanzpunkt zu kommen. Ein Mehreres später. –
Aber in einem einzigen kurzen Artikel etwas Genügendes über das Buch zu sagen ist schwerer als Du glauben magst vor Allem dem Leser ein richtiges Bild seines Inhalts zu geben. –
a gestr.: nehme die ich doch nicht halten kann; b eingef.: rechten; c eingef: eine; d gestr.: Deinen; e eingef.: Junge; f gestr.: Gef; g gestr.: ihn; h gestr.: ihn; i gestr.: gesetzt; j gestr.: hold; k gestr.: Aber; l gestr: dieser; m gestr.: begrüßen den ju; n gestr. würdige, eingef.: herrlichste; o gestr.: genährt; p gestr.: die trö; q gestr.: so; r gestr.: müßte die, eingef.: das allein; s gestr.: Feier; t gestr.: Gymnasiast; v gestr.: die Oldenburger; w korr. aus: Jugenderziehung; x gestr.: xxx, eingef.: wirst; y korr. aus: mirs; z gestr.: verlebe; aa gestr.: eben, eingef.: drei