Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 14. Juli 1868

Rechtenfleth d. 14 Jul 1868.

Mein herzlieber Junge.

Dein liebewarmer Brief mit all den schönen Wanderplänen hat mich so mächtig an- und aufgeregt, daß ich wirklich einige Zeit verstreichen lassen mußte ehe ich darauf antworten mochte, da ich Dir doch gar zu gern etwas Gewisses schreiben wollte. Ja, als der Brief ankam war gerade auch meine Seele voll Wanderlust, nur gingen ihre Gedanken u Pläne noch wie eine a oscillirende Magnet-Nadel bald hier, bald dorthin je nachdem in Sehnsucht oder Erinnerung b schönec Bilder der Natur oder der Kunstwelt vor ihr aufstiegen. Da zogs michs bald nach Paris oder London d deren Leben Treiben u Kunstsammlungen ich doch in meinem Leben gern einmal sähe, e bald riefs mich zaubermächtig an den grünen Rhein und in seine schönen Seitenthäler, bald wider nach Wien u dem Salzburgschen oder an den Bodensee, den ich so gern habe oder nach Zürich u weiter u vor allem zogs mich mein altes liebes München wieder zu sehen. Da kam ein Brief meines Freundes Dörnberg der einen oft f miteinander besprochenen Plan wieder auffrischte, nämlich mit ihm eine g Woche auf dem alten Dörnbergschen Stammschlosse Herzberg zu verleben h || das in einer wahren Wald- u Gebirgseinsamkeit im Hessischen liegen soll ud Du kannst denken wie mich solch Stück Romantik lockte. So sagte ich ihm denn zu und nun langte Dein Brief an, der mich ein paar Nächte hindurch kaum schlafen ließ, denn mein ganzes tiefstes Herz zitterte auf, wieder mit Dir Du lieber alter Junge nach alter schöner glückseliger Weise schwärmen, schweifen ud schwelgen zu können. – So vernimm denn. Sobald ein einziger Umstand sich beseitigen läßt schlage ich ein und ziehe mit Dir. – Endlich nämlich ist die Zeit gekommen daß meine „Römischen Schlendertage“ jenes Kind meiner Laune i das ich einst mit so vieler Wonne u so vielem köstlichen Ulk empfangen, dann fast ein ganzes Decennium j auf u im Herzen mit mir herum getragen, dann stückweis unter Hangen u Bangen geboren habe – endlich ist die Zeit k nahe wo es wohl l erzogen, herausgeputzt so gut wie möglich m u nach überstandner Confirmation (d. h. nach dem Einbinden) in die Welt gesandt werden soll um den Menschen zu predigen n von vergangenen glückerfüllten Tagen, vom Lande der Schönheit u von der ewigen Stadt – wo

„weich u wonnig weht die Luft

Wenns Ostern wird am Tiberstrom

Wo glanzvoll ragt aus goldnem Duft

Die Kuppel von Sanct Peters Dom

Wo Kirche reihto an Kirche sichp ||

Palast steigt an Palast empor Und drüber hin tönt feierlich In blauer Luft der Glocken Chor“ usw.

In nächster Woche nun beginnt der Druck des Büchleins, das in Oldenburg bei q dem Verleger von Stahrs „Jahr in Italien“ erscheint. – Jetzt also wäre zu überlegen wie ichs mit der Correctur halten könnte, die ich nun einmal durchaus selber besorgen will. Übermorgen reise ich nach Oldenburg u werde Alles besprechen ob nicht so schnell als möglich noch vor derr s Mitte des August der Druck zu beendigen sei. Geht das an t Topp, dann bin ich wieder Dein Gefährte. – (Wenn ich denn allenfalls auch die letzten Bogen auf Schloß Herzberg oder in Jena revidiren muß, nur später wird es mißlich sein die Bogen nachsenden zu lassen.) – Und nun die Reise selbst.

Ich würde dann etwa vom 4-6 Aug mit Dörnberg in Eisenach zusammentreffen (Wartburg natürlich) dann mit ihm an der Station Bebra südlich per Post in 4 Stunden nach Schloß Herzberg; hier 3 Tage, er dann nach dem Rhein, ich nach Gotha um meinen alten lieben Menke (u Historischer Geograph u erster Reisegenoß) zu besuchen dann nach Jena, hier etwa noch ein paar Tage u dann endlich mit Dir dem schönen Süden zu, und da haben wir ja noch Zeit genug das Nähere unsrer Reise zu berathen. Ich habe so allerleis Lieblingspuncte die ich immer u immer || wieder sehen muß, so oft ich in ihre Nähe komme, seis auch nur mich an Stunden einstiger Glückseligkeit wiederum zu v erinnern. Kennst Du z.B. Schloß Banz in Franken mit seiner w herrlichen Sammlung von Petrefacten (namentlich riesenhafter Saurier) ud in der x entzückendsten Lage. Wollen wir y nicht über Regensburg reisen? Ich kenne es noch gar nicht u sähe es so gerne; den alten herrlichen Dom u die Walhalla und nun erst München!.

In Tyrol dann, vor Allem nach dem Süden, wo schon Italischer Himmel blaut u italische Sonne glüht, wos Feigen, süße Trauben u Pomi d‘oro giebt, in den Thälern von Meran u Botzen und wo möglich – an den Lago di Garda dessen entzückendes Bild mir z jetzt nach 23 Jahren noch das Herz durchleuchtet. Der Glanzpunct wäre dann – die Ersteigung des Monte Baldo von dessen Gipfel man bekanntlich ganz Italien überschaut bis zum kleinen Stromboli u weiter, wenn man die richtigen scharfen Augen dazu hat . – Junge, Junge , das müßte herrlich sein! – Aber nicht rennen, sondern hübsch behaglich schlendern, das sag ich Dir, sonst kehr ich gleich wieder um. Und zeichnen u aquarelliren wollen wir, daß es eine Wonne sein soll u die Engel sich im Himmel drüber freuen. Und wie viel meinst Du das nöthig ist in den Beutel zu stecken? Sollte 150 rth. genügen? – 200 rth. Honorar erhalte ich u möchte 50 rth. gern zum Schmuck meines lieben Hauses anwenden. ||

Und nun vielen herzlichen Dank für die Übersendung Deiner Vorträge, die ich mir grade kommen lassen wollte. Du hast mir eine rechte Freude damit gemacht. Sie sind wirklich für alle Gebildeten ebenso verständlich wie sie gediegen u intressant sind, man muß natürlich die Grundzüge des Darwinismus vorher inne haben. Sobald ich abreise nehme ich sie meinem wackeren Romberg mit, der sie gleichfalls zu würdigen wissen wird und Deinen andern Freunden dort geben soll.

Ich mußte jüngst als Geschworner 3 Wochen bei der letzten Schwurgerichtssession in Stade, einer kleinen langweiligen Elbfestung sitzen, grade in den heißesten Tagen des vorigen Monats, und nicht einen einzigen psychologisch intressanten Fall gabs. Es war eine niederdrückend langweilige Geschichte, doch erfrischte ich mich darnach wieder durch die Heimreise über Hamburg u Glückstadt, wo mein lieber archäologischer Freund Detlefsen wohnt der in den Tagen von Rom mein Häckel war. – . Sonst bin ich, kleine Ausflüge nach Bremen u Oldenburg abgerechnet, || ruhig daheim geblieben. Mein Amt als Gemeindevorsteher habe ich niedergelegt u bin nur noch Mensch, Landwirth, Ziegelbrenner, Kunstschriftsteller u Kirchenvorsteher, was mir vorläufig auch genügt u meine Zeit ausfüllt. –

Also Du hast so lange auf einen Brief von mir gewartet. – Dann hast Du es gerade so gemacht wie ich. – Ich aa war u bin nämlich noch fest der Meinung Dir zuletzt geschrieben zu haben, als ich Dir meinen kleinen Artikel über den italienischen Volkscharacter zusandte, der nun ein Theil der Röm. Schlendertage ausmacht. Zwar nur ein kurzes Brieflein wars, das ihn begleitete. Indeß ich dachte, bb Du wärst wohl so mit Arbeiten u Studien überhäuft, daß es Sünde wäre ernstlich Dich zum Schreiben aufzufordern und dacht ich auch – wir Beiden kennen uns ja zu gut cc u haben uns zu lieb als daß eine Pause in unserer Correspondenz unsrer Freundschaft Schaden brächte.

Und in dieser Zuversicht bin u bleib ich mit herzlichem Gruße an Dein liebes Weib

Dein treuer

H. Allmers.

a gestr.: oss; b gestr.: die; c korr. aus: schönere; d gestr.: die ich doch gern; e gestr.: dan; f gestr.: be; g gestr.: ganze; h gestr.: schloße; i gestr.: einst; j gestr.: unter meinem; k gestr.: da; l gestr.: wohlgekleidet; m gestr.: u nach Einbind; n gestr.: Lande der Schönheit; o gestr.: sich; p gestr.: reiht; q gestr.: demselb, eingef.: dem; r korr. aus: dem; s gestr.: 10 A; t gestr.: so; u gestr.: Geog; v gestr.: erfreuen; w gestr.: Sammlung; x gestr.: köst; y gestr.: auch; z gestr.: seit; aa gestr.: bin; bb gestr.: auch; cc gestr.: um

Brief Metadaten

ID
8639
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Preußen
Datierung
14.07.1868
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
6
Umfang Blätter
3
Format
14,2 x 22,1 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8639
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 14.07.1868; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8639