Ernst Haeckel an Heinrich Eggeling, Jena, 14. Dezember 1889

Jena, 14/12 1889

Bericht über die Beziehungen

der Universität Jena

zur Zoologischen Station in Neapel.

Hochgeehrter Herr Curator!

a Durch Erlaß der hohen Universitäts-Curatel vom 7. dieses Monats bin ich aufgefordert, meine Ansicht darüber mitzutheilen, ob dem Wunsch des Directors der Zoologischen Station in Neapel Professor Dr. Dohrn zu entsprechen sei, daß die Universität Jena an dieser Station gegen Zahlung von 2000 Mk. jährlich einen Tisch miethen möge. Indem ich dieser Aufforderung ehrerbietest entspreche, sehe ich mich genöthigtb zu Folgendem:

1. Die Angabe des Herrn Dohrn, „Jena sei die einzige“ ist nicht richtig. Keine Deutsche Universität steht in fester Beziehung zu der Zoologischen Station in Neapel. Vielmehr erhalten die Deutschen Gelehrten, welche daselbst zu arbeiten wünschen, ihre Berechtigung dazu entweder von der Akademie der Wissenschaften in Berlin, oder von einer der Deutschen oder auswärtigen Regierungen, welche daselbst einen Platz gemiethet haben. ||

2. Die Angabe des Herrn Dohrn, es habe „wiederholt etc.“ ist nicht richtig; die Gelehrten aus Jena, welche daselbst gearbeitet haben, erhielten ihren dortigen Arbeitsplatz von einer Deutschen Regierung, welche denselben gemiethet hatte, derselbe ist ihnen nicht mit Zustimmung des Directors eingeräumt worden; eine solche Zustimmung ist weder erforderlich noch [ ] denn es besteht ein einfaches Mieths Verhältnis zwischen der Regierung und dem Direktor, [xxx] Da erstere einen ihrer gemietheten Tische verleiht, muß von letzterem aufgenommen werden.

3. Die „Gelehrten aus Jena“ (Preyer-Strasburger) welche in der Zoologischen Station in Neapel gearbeitet haben, konnten in allen Fällen ohne Schwierigkeiten 1 Tisch erhalten, da gewöhnlich viele der gemietheten Plätze frei stehen, oft jahrelang ohne benutzt zu werden. Es kann dem Director nur erwünscht sein wenn einige der leeren Plätze besetzt werden.

4. Der vereinbarte Miethpreis von 2000 Mk ist als ein außerordentlich hoher zu bezeichnen. Der Arbeiter erhält dafür thatsächlich Nichts als einen Arbeitstisch an der Station, die zur Arbeit nöthigen Reagentien und das Arbeits-Material (Seethiere). Die Kosten der Reise nach Neapel und des Aufenthalts daselbst hat jeder Arbeiter selbst zu tragen – 30 Thlr! ||

5. Außer der Zoologischen Station in Neapel existiren jetzt noch ein Dutzend andere an den Europäischen Küsten, und zwar 2 in Villafranca bei Nizza, 1 in Rapallo bei Genua, 1 in Marseille, 2 an der atlantischen französischen Küste, 2 Triest und 3 an der belgischen und holländischen See 3 und 4 an der britischen Küste etc. Unter diesen bieten diejenige in von Villafranca, Marseille, Roscoff, Plymouth, Edinburgh in wissenschaftlicher Beziehung ebenso viel als diejenige von Neapel (in mancher Beziehung sogar mehr; weniger nur in Beziehung auf Luxus, der an der Neapolitanischen Station c mit glänzender Verschwendung geübt wird. Alle diese andern Orte leihen ihre Arbeitsplätze und Materialien gratis und gegen ganz geringfügige Entschädigungen. Sollte doch ein Platz in Neapel nicht zu haben sein, so ist ein solcher an einer der andern Stationen ohne Schwierigkeiten zu bekommen.

6. Soviel mir bekannt, hat die Preußische Regierung im Ganzen nur 4 Tische gemiethet (für ihre 9 Universitäten) Baiern nur 1 (für seine 3), für Sachsen 1 und Württemberg 1. Wollten die Großherzogliche Staats Regierung und die Durchlauchtigsten Erhalter der Universität gemeinsam für Jena ein Tisch allein miethen, so würde das nach Maßgabe dessen d eine unverhältnißmäßig große Ausgabe sein; besonders wenn man erwägt, wie dürftig die meisten hiesigen Institute dotirt sind und welche dringenden Wünsche sie haben. ||

7. Wollten die hohen Regierungen jährlich die Summe von 2000 zur Förderung einer zoologischen Untersuchung verwenden, so würde es viel zweckmäßiger in Form eines Reise Stipendium (für reifere Studenten und junge Docenten) geschehen. e Diese Summe würde für dieselben f genügen, um die Reise nach Villafranca oder Marseille oder Edinburgh auszuführen und daselbst 3-4 Monate zu arbeiten (im Sommer ist die Neapolitanische Station fast ganz unbenutzbar)

8. Endlich darf nicht unerwähnt bleiben, daß auch abgesehen von den angeführten Gründen, es für die Universität Jena als solche g Ehrensache h ist, ihrerseits in keinerlei Beziehung zur Zoologischen Station in Neapel zu treten. Dr. Anton Dorn ist ein früherer Schüler von Jena; was er an Zoologie, Anatomie und anderen Fächern gelernt hat, verdankt er Jena und seinen Lehrern, vor Allem Professor Gegenbaur, dessen Assistent er war, und mir, der ich ihn gehörig (1865 auf einer Reise nach Helgoland) in das Studium der Seethiere eingeführt habe. Dohrn hat i niemals für Jena und seine Jenenser Lehrer ein Wort des Dankes und der öffentlichen Anerkennung gehabt; wohl aber statt dessen eine Fülle von Verdächtigungen und Verleumdungen dawider verbreitet. Als die beiden Professoren Gebrüder Hertwig vor einigen Jahren in Neapel waren, hielt Dohrn gelegentlich eines Banketts eine Rede voll derartiger Angriffe auf Jena und die Jenenser Zoologen, daß die beiden Gebrüder Hertwig genöthigt waren, sofort sich zu entfernen und jede Beziehung zu Neapel abzubrechen. Der Freund Dohrns Professor Carl Vogt || hat diesen Vorfall in einem gedruckten Spottgedicht auf Jena besungen. Der Grund von Dohrns gehässiger Gesinnung ist einfach der, daß seine maßlosen Ansprüche, die er hier als Docent stellte, nicht befriedigt wurden.j

a gestr.: In Beiden; b eingef.: genöthigt; c gestr.: mit; d gestr.: ges. Umf.; e gestr.: ich selbst habe; f gestr.: selbst; g gestr.: der; h gestr.: erscheint; i gestr.: statt; j Text weiter auf dem linken Rand von Seite 3, quer zur Schreibrichtung: hat diesen […] befriedigt wurden.“

Brief Metadaten

ID
49964
Gattung
Briefentwurf
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Zielort
Zielland
Deutschland
Datierung
14.12.1889
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
20,9 x 33,1 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 49964
Zitiervorlage
Haeckel, Ernst an Eggeling, Heinrich von; Jena; 14.12.1889; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_49964