Giltsch, Adolf

Adolf Giltsch an Ernst Haeckel, Jena, 31. Oktober 1900

Jena, den 31. Oktober 1900

Verehrtester Herr Professor!

Ihre interessante Karte aus Singapore vom 4. Okt. habe ich gestern früh erhalten, sie ist am 29. Abends schon hier angekommen; mir scheint, daß eine Reise nach Singapore jetzt gegen früher recht schnell von statten geht. Am meisten freut es mich, daß es Ihnen a wohl geht und Sie die Seereise glücklich und gesund soweit überstanden haben. Hoffentlich kommen Sie ebenso wieder zurück nach unserm lieben Jena. – Haben Sie unterwegs auch einmal einen deutschen Truppendampfer getroffen? Wie mag im Orient die Stimmung über Deutschland in dieser Angelegenheit sein? – Die Holländer scheinen ja immer entgegenkommender zu denken, vollends seit sich ihre Königin Wilhelmina mit einen mecklemburgischen Herzog verlobt hat. Ich kann mich dabei des Vergleichs mit dem Nautilus nicht wehren – Sie (die Königin) das prunkende Weibchen mit der glänzenden Schale, Er das männliche Begattungsinstrument, welches im übrigen nichts zu bedeuten hat. Wohl bekomm’ ihm die Fahrt! –

Um nun auch auf unsere Kunstformen zu || kommen; da kann ich Ihnen zunächst berichten, daß ich die Probedrucke der 3 letzten Tafeln in Lithographie erhielt: Lucernarien, Kofferfische (Ostracien), Doris (Schnecken).

Die Lucernarien waren mit verschiedenen Verstößen gegen Nähe & Ferne behaftet, was ja mit der unleidlichen aber billigen Gelantinekontourenueberdruckerei so leicht veranlaßt wird. Ich habe alles korrigirt, einen neuen Revisionsabdruck erhalten und für druckfertig erklärt.

Die Ostracion- & Doris-Tafeln dagegen waren wie alle Farbentafeln gleich sehr gut ausgefallen und ich habe mich recht gefreut darüber. Von meinem Freund Körner habe ich noch einen Abdruck der Actinien-Tafel bekommen, weil ich noch keinen hatte (alle früheren waren zurückgesandt). Auf diesem Abdrucke ist, ähnlich wie bei den früheren Prospekttafeln (den ersten Rasterätzungen auf schwarzem Grund), unten darunter gedruckt, wie diese Tafeln hergestellt sind. Die Ätzungen der Farbenplatten für diese Tafel sind bei einer Leipziger Firma hergestellt, welche Dreifarben-Ätzungen nach farbigen Originalen b direkt verfertigt; nun denken wir uns, daß diese Firma sich, aus Konkurrenzgefühlen gegenüber dieses unseres neuen Verfahrens (welches ja ihre eigentliche Kunst überflüssig machte), keine Mühe mit den || Ätzungen zu unserer Actinientafel gegeben hat und wohl absichtlich recht schlecht gearbeitet hat, um dieses neue Verfahren nicht aufkommen zu lassen. Offiziell habe ich dies nicht erfahren und möchte ich Sie dringend bitten, nichts darüber gegenüber Herrn Prof. Meyer zu erwähnen, denn er weiß es doch selbst am besten. Jedenfalls soll ich’s aberc nicht wissen! Zudem hat diese Methode kein solches Interesse mehr für mich, weil das bibliographische Institut ja die Herstellung der Farbenplatten auf Karton abgelehnt hat und ich nicht so viel Zeit für solche mehr untergeordnete Arbeit anwenden kann. Wir liefern die farbigen Originale und das Institut mag sie reproduziren wie es ihm paßt!

Vom 6. Heft habe ich die Calocalanus-(Copepoden) Tafel also mit den Büchern an’s Institut gesandt. Die übrigen Tafeln sind leider nicht weit fortgeschritten. Zunächst wird in kurzer Zeit die Octopus-Tafel fertig als halbbunte für Lithographie, und dann die 3 letzten für Lithographie Rhopilema, Strobalia und Collosphaera. Ich bin die ganze Zeit so mit Arbeiten bedacht gewesen, daß ich von Ferien keine Ahnung hatte. Nur die 3 Tage vom Abschied (Sonnabend) bis zu Ihrer wirklichen Abreise habe ich theilweise mit meinem Freund Körner, welcher da seinen Urlaub in Jena verbrachte, verbummelt. Am schlimmsten haben mich 14 Augenquerschnitte fürd Wagenmann aufgehalten. Erst glaubte ich je 4 pro Tag fertigstellen || zu können; schließlich wurde trübes Wetter und dabei habe ich meist nur 1 oder höchstens 2 Schnitte fertig gebracht; das war nach jeder Richtung hin wirkliches Augenfutter.

– Vor ein paar Tagen sandte mir das bibliographische Institut 14 aufgezogene Medusen- & Siphonophoren Tafeln zurück, sowie Stein, Infusorien (Tafelband). Ich habe alles an Pohle gegeben. Ferner frugen sie an ob wir das große Original zu Calocyclas hätten, welches ihnen fehlte. Wenn Sie es nicht in einem Schrank eingeschlossen haben, dann ist es nicht in Jena. Ich habe darüber mit Pohle gesprochen und nach Leipzig berichtet; das hat ja wohl Zeit bis Sie wiederkommen.

Nun mein lieber Papa Haeckel habe ich schon eine ganze Menge geplaudert. Was macht Ihre photographische Kunst? Wir (Eduard) haben von Semon’s 32 Film’s-Negative zum Kopiren bekommen (von der Norwegen-Reise) und haben den Positivprozeß geübt. Diese Films sind noch nicht so gut gerathen und Semon ist jetzt auch weiter gekommen im Photographiren.

Wir hoffen, daß es Ihnen recht gut gefällt, das Klima wohl bekommt und Sie dabei bei voller Gesundheit bleiben. Sie sind ja glücklicherweise aus anderm Stoff hergestellt wie ich und verjüngen sich allemal durchs Reisen. Mich machts allemal kaputt; ich verstehe es wohl auch nicht richtig und bleibe lieber zu Hause und freue mich, wenns nur Ihnen gut geht und gefällt!

Mit herzlichsten Grüßen, Ihr alter

getreuer

Ad. Giltsch.

nebst Familie.

Nehmen Sie herzlichsten Dank für die Karte und denken Sie freundlich bald wieder an den alten Kartensammler. A. G.e

a gestr.: und; b gestr.: herstellt; c eingef.: aber; d gestr.: von; eingef.: für; e Text weiter am linken Rand von S. 4: Nehmen … A. G.

 

Letter metadata

Recipient
Dating
31.10.1900
Place of origin
Country of origin
Possessing institution
EHA Jena
Signature
EHA Jena, A 459
ID
459