Ernst Haeckel an Richard Semon, Jena, 20. Mai 1917

Jena 20.5.1917.

Lieber Freund!

Durch Ihren Bericht über die erfolgreiche Fortsetzung Ihrer Mneme-Studien haben Sie mich sehr erfreut, um so mehr als ich selbst seit einem halben Jahre mich viel damit beschäftigt habe. Ich hatte im vorigen Sommer meine alten Lieblinge „die Radiolarien“ wieder vorgenommen, mit Beziehung zu den höchst merkwürdigen „Lebenden Kristallen“ von Otto

Lehmann, die den direkten (von mir 1866 im II. Buch der Gen. Morph. prognostizierten) Übergang von den Anorganen zu den Organismen herstellen. In demselben (für den Monismus epochemachenden) Jahre 1904 erschienen: 1. Ihre Mneme, 2. Lehmann’s

„flüssige Kristalle“, 3. der Nachweis, daß die niedersten Schizophyten (Chromaceae und Bakterien) wirklich „kernlose Zellen“ (Färben) sind, 4. Meine „Lebenswunder“, in denen sich der Substanz-Begriff (Spinoza) durch Trennung von Energie und Psychomatik erweiterte (ausgeführt 1914 in der „Gott-Natur“ (Tabelle IV, S. 67). ||

Die kleine Skizze über das „Anorganische Leben“, in der ich aus diesen 4 Früchten des Jahres 1904 zu meinem kleinen (aber inhaltsreichen) monistischen Kuchen zusammen ausgearbeitet habe, hoffe ich Ihnen noch im Juli senden zu können. Sie werden daran ein ganz besonderes persönliches Interesse nehmen. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie dadurch angeregt würden, einen vierten Band der Mneme auszuarbeiten, die „Psychomatik der Radiolarien“, die ich in der Challenger Monographie (1887, I, §§ 201-225) nur flüchtig andeuten konnte. Sie werden in der Phylogenie des Radiolarien-Skelettes, besonders von Acantharien (Acanthophrakten!) eine Fülle merkwürdiger psychomatischer Tatsachen finden, die Sie für die „Mneme der Zellseele“ fruchtbar verwerten können. Die Parallele mit dem „Raumgitter der Kristalle“ und die Beziehung zur Sphaerologie einerseits, der Archigonie anderseits, ist sehr merkwürdig! Ich vermache Ihnen, als einem meiner besten, treusten und fähigsten Schüler, persönlich diese schöne Aufgabe als Testament. ||

Seit 8 Tagen (12.5.) sind meine Münchener Kinder bei mir; Walter kehrt Ende Mai, Josepha schon am 25.5. zurück. Wir haben Viel von Ihnen Beiden gesprochen und uns mit Vergnügen der schönen „guten alten Zeiten“ erinnert, die wir in den letzten 30 Jahren hier zusammen erlebt haben. Diese sind dahin! Es kommt ein völliger Neubau der zerstörten Kulturwelt, von dem noch Niemand sagen kann, wie er aussehen wird? Ich werde leider immer pessimistischer gestimmt.

Trotz aller Heldentaten unsers deutschen Volkes (– Heer und Marine, Männer und Frauen! –) wird es uns kaum gelingen die bewunderungswürdige, seit 400 Jahren festgebaute „Weltherrschaft“ des angelsächsichen Bruder-Stamms, zu brechen, der Alles realistisch und weitsichtig berechnet – während der naive teutschsächsische Bruder in seinem Idealismus auf die „Vorsehung“ des lieben Gottes hofft und keine politischen Talente, keine „Diplomaten“ produziert! – ||

Daß meine senile Rückbildung („Kataplasis“) seit Ostern ständig zunimmt und ich mich zu der ersehnten letzten Reise (– in die Buddhistische „Nirwana“ –) vorbereite, – mit resignierter Heiterkeit! – werden Ihnen meine Kinder berichten.

– Da jeder normale Mensch 9 Monate älter ist, als sein offizieller „Geburtstag“ angiebt (– die persönliche Existenz mit der Bildung der „Cytula“ beginnt, Vererbung von beiden Eltern) – habe ich – geboren am 16.2.1834 – letzten Mittwoch, 16.5.1917, mit meinen Kindern meinen 84. Geburtstag privatissime gefeiert! Ich bin nämlich (– neben vielen anderen Schwärmern) – auch Zahlen-Mystiker, und lege auf die Grundzahl 4, das „Kreuz“, ganz besonderen Wert: 4 Legionen der Radiolarien, 4 Grundzahl der Medusen etc. etc. – –

Mit herzlichsten Grüssen und besten Wünschen für Ihre liebe (– von mir hochverehrte! –) Frau Gemahlin stets Ihr alter Ernst Haeckel.

Brief Metadaten

ID
39882
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
20.05.1917
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Besitzende Institution
Bayerische Staatsbibliothek München, Abt. für Handschriften und Seltene Drucke
Signatur
Cgm 8032
Zitiervorlage
Haeckel, Ernst an Semon, Richard; Jena; 20.05.1917; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_39882