Heinrich Haeckel an Ernst Haeckel, Stettin, 5. Januar 1901

Stettin, 5. I. 01

Liebster Onkel!

Mit allerlebhaftestem Bedauern sehe ich aus Deinem letzten Brief, daß Dir die alten Gelenke einen so häßlichen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Ich hoffe, daß esa nur b Deine alte Gicht, und nicht ein erneuter Gelenkrheumatismus ist, der wohl eher als Klima-Folge aufzufassen wäre, während die Gicht doch nur ein Glied in der längeren Leidenskette wäre, mit der Du schon fertig werden wirst. Schade, schade, daß Deine Reisepläne in so unliebsamer| Weise gestört sind! Da außerdem die feuchte Tropenatmosphäre Dir schlecht zu bekommen scheint, so möchte ich Dich inständigst bitten: Kürze den Aufenthalt dort ab, so bald es Deine Gelenke irgend zulassen und fahre heim. Als Übergang wäre die trockene Wärme von Oberägypten auf Dringlichste zu empfehlen; gehe nach Luxor, nach Assuan hinauf (bis Luxor geht sicher jetzt Bahn, ich glaube aber auch nach Assuan) und bringe eine Zeit in diesem herrlichen Lande zu, das Du in seinem| oberen Theil noch nicht kennst. Im Maerz kannst Du noch ganz gut hinauf fahren und hast den großen Vortheil, daß es nicht mehr so voller Menschen ist. Ich selbst war bis Ende März in Luxor und fand die Temperatur sehr angenehm: Dir wird sie nach den schwülen Tagen Javas noch angenehmer sein. Durch Eselritte sind die Excursionen auch an den kleinsten Orten Ägyptens so wenig für Deine Knie und Füße anstrengend, daß Du sehr gut Einiges wirst unternehmen können. Wenn ja auch die Flora dürftig ist, so wird Dir doch| die Wüste, der Himmel, die alten Bauten größten Genuß gewähren.

Zu Deinem Geburtstage sage ich Dir meine herzlichsten Glückwünsche und hoffe, daß Du dann längst wieder auf den Beinen bist. – Ich glaube nicht, daß es richtig wäre, nun Hals über Kopf nach Hause zu kommen. Wenn Du schreibst, Mitte Febr. wolltest Du abreisen, so wärst Du Ende Maerz bei directer Fahrt zu Hause. Ein Monat in Ägypten und vielleicht einen| oder zwei Wochen in Amalfi oder Ischia würden als Zwischenstation entschieden am Platze sein, aber auch lohnen. Was schadets, wenn Du erst im Laufe des Mai heimkehrst?

Die Weihnachtstage war ich in Lichterfelde bei Hahns, die bestens grüßen lassen. Richard, der im Herbst einen Anfall von Nierensteinenkolik gehabt, geht es jetzt wieder gut, er muß sich nur noch schonen. Bei Georg ist gestern ein kräftiger Junge eingetroffen, doppelt erfreulich, da die zweite| Frau doch nicht mehr so ganz jung ist.

Hier in Stettin geht es in alten Geleisen. Mit den Priestern habe ich Waffenstillstand, im Übrigen tüchtig zu thun; ich hoffe nun, nachdem die äußeren Verhältnisse einigermaßen eine Definition angenommen haben, nun mit mehr Seelenruhe zum ausgiebigeren wissenschaftlichen Arbeiten zu kommen, um nicht ganz in der praktischen Arbeit aufzugehen, wozu die Gefahr| ziemlich nahe liegt. Man bekommt die blose, sagen wir einmal, Handwerker-Thätigkeit des Operirens, nachdem der erste Durst, aus vollem Material zu schöpfen, gestillt ist, bald über.

Also, liebster Onkel, kehr heil aus den Tropen zurück und ziehe Ägypten in ernstliche Erwägung!

Auf Wiedersehen im Sommer hofft mit herzlichsten Grüßen

treuestens Dein

Heinrich.

a eingef.: es b gestr.: aus

Brief Metadaten

ID
35569
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Polen
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
05.01.1901
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
7
Umfang Blätter
4
Format
14,0 x 22,1 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35569
Zitiervorlage
Haeckel, Heinrich an Haeckel, Ernst; Stettin; 05.01.1901; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_35569