Julius Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 16. Februar 1891

Berlin, den 16.2.91.

Lieber Onkel!

Zunächst meine herzlichsten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag und zu Lisbeths Verlobung. Zu letzterer kann man sich umso mehr freuen, als Du Dir im stillen solch einen Schwiegersohn wünschtest, und er überall mit Achtung genannt wird, seine Verdienste sehr gerühmt werden.

Ich war in der vorigen Woche zu der Allmers-Feier in Bremen und kann Dir als Augenzeuge bestätigen, wie Dein Ulk gelungen ist. Unter den vielen Briefen und || Packeten, welche für ihn angekommen waren, fand einer seiner Freunde auch Deine Gabe. Er steckte sie, ehe Allmers sie sah, zu sich und brachte sie mit zu dem am Mittwoch im Künstlerverein veranstalteten Feste. In vorgerückter Stunde erschienen plötzlich drei weiß gekleidete Abgesandte der Universität Jena, welche feierlichst das Doktordiplom überbrachten und verlasen. Der Eindruck der Echtheit war so vollständig, daß die Bedenken gegen einen Doktor der Poesie durch die Bemerkung beseitigt wurde, heutzutage || wäre ja alles möglich, warum nicht auch das. Die erfahrensten Leute und Allmers selbst fielen zuerst darauf herein, und es dauerte eine ganze Weile, bis der Ulk festgestellt war. Natürlich hieß Allmers von nun an nur noch „Doktor“ und mußte sich die allgemeinen Glückwünsche schon gefallen lassen. Es waren ein sehr fidele Tage. Die Bremer haben Allmers nach allen Richtungen gefeiert, besonders als Menschen, was er ja auch reichlich verdient. Ist er auch in vielen Dingen vielleicht etwas zu || originell, so wird seine offene und ehrliche Natur und seine warme Begeisterung für alles Gute und Edle ihm doch einen bleibenden Platz im Herzen derer, die ihn kennen, sichern.

Sein kleines Drama „Elektra“, welches am Donnerstag im Stadttheater aufgeführt wurde (vor ausverkauftem Hause!) erntete verdienten Beifall. Denn es ist von hochdramatischer Wirkung und zeichnet sich durch ungemein wohllautende Sprache aus.

Er mußte deshalb mehrfach auf die Bühne kommen, und Du wirst Dir die Diener || ausmalen können, die er machte. Sie waren köstlich! Noch köstlicher waren aber vorher die Proben gewesen, als wir die Diener mit ihm einstudierten.

Er war in den Tagen der besten Laune und sprudelte von Humor über. Überhaupt machte er eher den Eindruck eines Dreißigers als eines Siebzigers.

Von einigen Bremern soll ich Dir auch Grüße bestellen; der Bildhauer Kropp, der Dich in Rom kennen gelernt hat (Allmers Porträtmedaillon || stammt von ihm) und der alte Gildemeister, der mit Dir in Helgoland gefischt hat, ein liebenswürdiger alter Herr. Dr. Focke war nicht gekommen.

Gestern war bei Vater sein alter Freund Schwanitz aus Illmenau zum Besuch. Er läßt Dich auch grüßen.

Nun grüße Deine Frau, die Kinder und Heinrich bestens

von

Deinem

treuen Neffen

Julius.

Allmers läßt sich entschuldigen, wenn er Dir nicht gleich antworten kann. Er hatte gegen 400 Briefe da!

Brief Metadaten

ID
34034
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
16.02.1891
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
6
Umfang Blätter
3
Format
11,2 x 17,7 bzw. 11,3 x 17,7 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34034
Zitiervorlage
Haeckel, Julius an Haeckel, Ernst; Berlin; 16.02.1891; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_34034