Ernst Haeckel an Carl Grimsehl, Jena, 28. Februar 1916

Jena 28. Februar 1916.

Lieber Herr Grimsehl!

Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihre freundliche Sendung, die Glückwünsche zu meinem 82. Geburtstag, die interessante Broschüre von Francis Delairi, und die schönen Photogramme, welche uns dauernd an den herrlichen Sommer-Abend erinnern werden, den wir am 8. Juli 1914 (– 3 Wochen vor Ausbruch des Weltkrieges! –) an der Saalbrücke von Burgau in heiterster Stimmung zusammen verlebten. Ich habe den beiden anderen Mitgliedern unseres monistischen Quartetts Abzüge beider Photogramme übersandt, Prof. Otto Knopf und Frl. Maria Holgers. Letztere feiert heute ihren 46. Geburtstag; sie ist seit einem Jahr als freiwillige Krankenpflegerin und Rezitatorin in den Lazaretten des Ostens tätig (Warschau, Wilna, Modlin etc). (Adresse dauernd): Festungs-Lazarett I, Kadettenhaus, Warschau.). ||

Die außerordentliche „Hauptversammlung des Deutschen Monistenbundes“, welche gestern und vorgestern hier abgehalten werden sollte, wurde am 25.2. von München telegraphisch abgesagt, weil der Präsident die vom dortigen Generalkommando verlangte Garantie, daß keine politischen und religiösen Debatten und Anträge stattfinden sollten, nicht übernehmen konnte. Ich empfing gestern Besuche von einem Dutzend Bundes Mitgliedern, die umsonst hergereist waren, alle sehr enttäuscht, die Meisten zugleich skeptisch und unsicher über etwaige Erfolge der Versammlung. Die Partei-Richtungen innerhalb des Bundes:

„Pazifistisch-International“ gegen „Patriotisch-National“ (– „Durchhalten“!) stehen sich scharf gegenüber; ebenso in religiöser Beziehung: Atheistische Freidenker gegen Pantheistische Monisten (– „Goethe“! –) ||

Auch sonst stehen der fruchtbaren Tätigkeit unseres Deutschen Monistenbundes jetzt viele Hindernisse gegenüber: Schulden! Geldmangel! Eingehen des Organs (Monistisches Jahrhundert etc), Praesidentenwahl!) Es ist wohl zur Zeit das Beste, daß diese schwierigen Fragen jetzt ruhen und erst nach erlangtem Frieden (– Wann? Wie? Wo?) wieder aufgenommen werden. Im Übrigen stimme ich Ihrer Auffassung vollkommen bei, besonders betreffs Vermeidung aller Separations-Bestrebungen.

– Ihr lieber Besuch bei uns hat mich und meine Enkelin, die sorgliche „Hausdame“, (die jetzt auch freiwillige Krankenpflegerin im hiesigen Lazarett ist) sehr erfreut!

Mit herzlichen Grüßen von uns Beiden, und mit besten Wünschen für Ihr Wohl – wie für baldiges siegreiches Kriegs-Ende! – treulichst Ihr alter

Ernst Haeckel.

(P.S. Eben erhalte ich die erfreulichen Sieges-Nachrichten von Verdun und um Durazzo! – Vivant sequentes! –) ||

Feldpost

Herrn Regierungs-Baumeister

C. Grimsehl

(aus Berlin)

z. Z. Ingenieur-Offizier in

Feste Kaiser-Wilhelm II

Mutzig bei Strassburg

(Elsass)

(Absender:

Prof. E. Haeckel

Jena.)

Brief Metadaten

ID
33497
Gattung
Brief mit Umschlag
Empfänger
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
28.02.1916
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
3
Umfang Blätter
2
Format
14,4 x 22,4 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 33497
Zitiervorlage
Haeckel, Ernst an Grimsehl, Carl; Jena; 28.02.1916; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_33497