3. Mai 1917
Euer Excellenz
Danke ich herzlich für die freundlichen Worte, die Sie mir aus Anlaß der Vermählung unserer Tochter geschickt haben. Ich erhielt den Brief im Augenblick der Abreise und beantworte ihn, im Bummelzuge von Lemberg meiner Front zu rumpelnd, damit diese Zeilen morgen früh von der Endstation abgehen können. ||
Es ist mir eine besondere Freude, daß das junge Paar sein Heim in Jena aufgeschlagen hat. Mein Schwiegersohn wird nach dem Kriege an der Kinderklinik des Prof. Ibrahim als Assistent thätig sein. Jetzt sind den Beiden die Tage gemeinsamen Glücks kurz bemessen. Mein SchwiegerSohn muß bald wieder an die Front. Wo er, gleich mir, im Osten steht, in den Rumänischen Karpathen, hat er gleich mir jetzt ruhige Tage. ||
Auf einen Sonderfrieden mit Rußland kann wohl nicht mehr gerechnet werden. Wenn die gestrige Zeitungsnachricht stimmt, daß die Entente uns neue Friedensvorschläge machen will, verfolgt sie m. E. 3 Zwecke, Rußland zu besänftigen u. die Friedenspartei dort still zu machen, Oesterreich, das seine Friedenssehnsucht, mehr als gut, betont hat, von uns zu trennen, und unsere stupide Sozialdemokratie aufzuwiegeln. Für uns liegt die Entscheidung || jetzt ebenso sehr daheim, als an der Front. Zum Mindesten hält diese aus, ‒ ich hoffe, Hindenburg thut noch mehr ‒, aber wird unser Volk die zunehmenden Entbehrungen ertragen? Mir ist sehr bange, daß es zu einem sehr faulen Frieden kommt, ein solcher käme einer Niederlage gleich. Und wenn auch unser Volk sich auf der Höhe seiner Aufgaben zeigt, kann man das von Oesterreich erwarten? Energie und Weitblick hat seiner Politik schon lange || gefehlt. Das Volk in Oesterreich selbst war politisch immer schlapp u. zeigt sich so auch jetzt. Das Verhältniß zu Ungarn hat sich mit dem Kriege keineswegs gebessert. Der Armee ist viel nicht mehr zuzutrauen, stellenweise soll die wirthschaftliche Noth groß sein und die sehr spät begonnene Organisation scheint schlecht zu funktionieren; das merkt man schon auf der Durchreise an all den Sprüchen auf den Bahnhöfen. Schließlich, der Dank vom Hause Habsburg! ||
Es ist ein furchtbarer Kampf, gegen eine Weltmacht, wie England, das nun noch unterstützt wird ‒ u. wenn auch nur wirthschaftlich ‒ von einer Weltmacht wie Amerika.
Man muß halt den Kopf oben behalten und seine Pflicht thun. In 3 Monaten werden wir schon sehen, wo es mit uns hinaus will.
Hier ist schönes Wetter und die Felder stehen, so viel ich sehen konnte, gut. Wegen meiner Schrift bitte ich um Entschuldigung, die Galizischen Wagen sind nicht die vollkommensten. Aber nach 14tägiger Abwesenheit || werde ich viel zu thun vorfinden und schwer zu Briefen kommen, zumal eine Frostwunde am Fuße mich den ganzen letzten Monat an das Zimmer gefesselt hat, so daß ich meine Stellungen nicht besuchen konnte, wo nun viel nachzuholen ist.
Prof. Heinrich Eggeling liegt nicht weit von mir mit seinem Lazarett.
Ich hoffe, daß Sie sich, abgesehen von den Beschwerden, die Ihr Bein im Gefolge hat, wohl befinden und verbleibe
Euer Excellenz
sehr ergebener
rnst P. v. S Meiningen