WILHELM ENGELMANN
VERLAGSBUCHHANDLUNG
Berlin W. 15a, DEN 11. April 1919
Knesebeckstr. 52/53 II
Ew. Exzellenz!
Meine Mutter und ich danken Ew. Exzellenz herzlichst für die freundlichen Worte vom 7., mit denen Sie Mutter- und Kinderherz beglückt und in diesen einen verstärkten Widerhall hervorgerufen haben.
Wie sehnlichst wünschen wir, dass es Ihnen noch vergönnt sein möge, einen Wiederaufstieg Deutschlands und einen internationalen Frieden der Gelehrtenwelt, – der ja leider zum bevorstehenden Friedenschluss noch nicht durchführbar scheint – , mit zu erleben! ||
Ich habe es nicht gewagt, Ew. Exzellenz mit Verlags- und Redaktionsangelegenheiten zu behelligen, habe allerdings aber auch nicht gewusst, in wie starkem Maasse Ew. Exzellenz an der Begründung des jetzt verwaisten Gegenbaurschen Morphologischen Jahrbuchs beteiligt waren. Wie gern hätte ich mir sonst bei Ew. Exzellenz Rat geholt! Denn es liegt auch mir begreiflicherweise sehr viel daran, das Unternehmen ganz im Geiste seiner Begründer fortzuführen. Da ich längere Zeit zu Besuch bei meiner Mutter in Berlin weilte, suchte ich Exz. von Waldeyer-Hartz (ganz in unserer Nähe) auf, um dessen Ansichten zu hören.
Er war mit meinem Plan, Herrn Prof. Göppert die Schriftleitung (gegebenenfalls noch im Verein mit einem Kollegen) anzutragen, einverstanden. ||
Auf meine Anfrage bei Herrn Prof. Göppert, die schon 4-5 Wochen zurückliegt, habe ich noch keine Antwort erhalten. Ich nehme an, dass er sich erst mit Frau Prof. Ruge in Zürich in Verbindung setzen wird.
Zuerst, bevor ich zu Exz. v. Waldeyer ging, hatte ich mit Frau Prof. Ruge über die Frage korrespondiert, ob ihr Mann irgendwelche Wünsche oder Vorschläge betreffs seines Nachfolgers für das Morphologische Jahrbuch geäussert oder schriftlich hinterlassen habe. Ihre Antwort fiel negativ aus. Sehr gerührt waren meine Mutter und ich durch Frau Professor Ruges Schilderung Ihrer schönen Erinnerungen an die Zeit in Holland und an einen Besuch bei meinen Eltern in Utrecht, wo mein Vater auf Ew. Exzellenz einen Toast ausbrachte, in dem er Ew. Exzellenz mit einem Sonnentierchen verglich! ||
Darf ich Ew. Exzellenz den Brief mal senden?
An einen Abschied von Ew. Exzellenz möchten meine Mutter und ich noch lange nicht denken; und sollte es dennoch einmal sein müssen… in unserem Herzen werden Sie fortleben, bis auch unsre letzte Stunde geschlagen hat. Das ist unser Glaube an das Fortleben nach dem Tode!
In treuer Anhänglichkeit und aufrichtiger Verehrung
Wilhelm Engelmann
a gestr.: LEIPZIG, | MITTELSTRAßE 2, eingef.: Berlin W. 15