Berlin N. O. Friedenstraße 11.
d. 30.5.87.
Lieber Freund!
Aus Ihrer freundlichen Einladung zur Ritter-Rede ersehe ich mit Befriedigung, daß Sie glücklich von Ihrer Orientreise zurückgekehrt sind, ohne Zweifel reich beladen mit neuen Schätzen der Naturerkenntniß u. Anschauung u. die Aussicht aus Ihrem Munde von all dem genossenen Schönen erzählen zu hören, hätten [!] mich, offen gestanden, mehr gereizt, die Pfingstfahrt anzutreten, als die Neubegier hinsichtlich der Lang’schen Rede. Aber ich bin eine entsetzliche Schnecke im Entschlüsse fassen u. kann mich schwer zu einer Reise aufrappeln, u. so ist denn von den mancherlei Plänen, die für diese Pfingsttage bereit lagen, keiner ausgeführt worden.
Ihre Karte aus Jerusalem habe ich richtig erhalten u. mich sehr darüber gefreut, einen Gruß vom Berge Zion zu erhalten! Der Ausflug wird hoffentlich irgendwo von Ihnen beschrieben werden, damit man nachträglich ein wenig von Ihren Kreuz- u. Querzügen, Erlebnissen u. Forschungen während desselben erfährt?
In den Osterferien suchte mich ein junger eifriger Darwinist, Herr Institutslehrer Gustav Adolf Erdmann aus Annaburg auf, den Sie auch persönlich kennen, und nahm mir das Versprechen ab, mich für ihn bei Ihnen zu verwenden, damit Sie ihm behilflich seien, eine seinen Fähigkeiten zusagende Anstellung im Weimar’schen || zu erlangen. Ich habe ihn sogleich vor allzu sanguinischen Hoffnungen in dieser Beziehung gewarnt, da ich ja nicht weiß, ob Sie irgendwie in der Lage sind, in dieser Richtung einen Einfluß zu üben.
Im Übrigen scheint mir der p. Erdmann, den ich bis dahin noch nicht einmal dem Namen nach kannte, Ihre eventuelle Verwendung zu verdienen, da er sich mit großem Eifer der Entwicklungslehre anschließt, u. sich in einem neuen Buch „Geschichte der Entwicklung u. Methodik der biologischen Wissenschaften“ (Cassel u. Berlin 1887), welches Sie wahrscheinlich bei Ihrer Rückkunft vorgefunden haben, dermaßen für Sie u. Ihre Arbeiten engagirt hat, daß ihm, wie ich fürchte, Beförderung u. Wiederanstellung in preußischen Schulämtern so gut wie abgeschnitten ist.
Denn es läßt sich nicht läugnen, daß wir uns amtlich u. offiziell in der kläglichsten Reaktion befinden, schlimmer als vor 25 Jahren, u. wir werden lange Jahrzehnte brauchen, um uns aus diesen Zuständen wieder einigermaßen zu erholen. Wenn das in dem gegenwärtigen Tempo so weitergeht, wird das auch mit der „Freiheit der Lehre“ bald vorüber sein, der Papst u. die schwarzen Schaaren sind bei uns hier schon wieder oben auf.
Der „Kosmos“ ist nun richtig schlafen gegangen, u. es konnte nicht anders sein, denn Vetter gab sich gar keine Mühe, ihn zu einer Specialität zu erheben. Haben Sie gelesen, daß Rolle, einer der Veteranen von der Fahne Darwins durch Selbstmord geendet hat?
Von Darwins Biographie a aus der Hand seines Sohnes ist immer noch nichts zu hören, obwohl die || englischen Zeitungen schon vor zwei Jahren verkündeten, daß sie fertig sei u. demnächst erscheinen solle. Es scheint fast, als ob ich dem jungen Mann seine Kreise gestört habe, u. dann würde es mich nicht gereuen, das Buch geschrieben zu haben, an dem ich sonst wenig Freude erlebt habe. Victor Carus hat die Kleinlichkeit gehabt, die Biographie samt den „kleinen Schriften“ im Literarischen Centralblatt höchst eigenhändig herunterzureißen. Ich hätte ihn fürchterlich abführen können, denn seine gesamten Nörgeleien u. Ausstellungen waren unsubstantiirt, aber die Artikel kamen mir so spät zu Gesicht, daß ich’s für’s Beste hielt, mich nicht weiter darum zu kümmern. Daß ich einige Schriften Darwins herausgegeben, das hat den Mann so verschnupft, daß er keinen guten Faden an dem ganzen Werke finden kann; das biographische Material hätte ich nach seiner Meinung Herrn Francis senden müssen, u. bereits gedruckte Arbeiten zu sammeln, hält er für absolut überflüssig. Wenn er es b selbst gemacht hätte, c wäre es aber ohne Zweifel ein höchst verdienstliches Werk gewesen!
Mit Romanes, der das Buch (ohne mein Zuthun) in der „Nature“ stark gelobt hatte, hat sich Francis Darwin, vielleicht ebendeshalb völlig überworfen, u. sie sagen sich jetzt schon in den Zeitschriften allerlei Liebenswürdigkeiten. Sonst war doch, soviel ich gehört, Romanes einer der in Down willkommensten Hausfreunde?
Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr treulich
ergebenster
Ernst Krause
a gestr. von; b gestr.: aber; c gestr: wäh