Rolle, Friedrich

Friedrich Rolle an Ernst Haeckel, Homburg vor der Höhe, 6. Oktober 1869

Homburg v. d. Hoehe. d. 6. Oct. 1869.

Hochgeehrter Herr Professor!

Aus Ihrem gütigen Schreiben vom 30. September ersah ich zu großer Befriedigung daß Sie auf mein Anerbieten eingehen und dieses sogar einem Ihrer bisherigen Wünsche entspricht.

Ich habe so große Mengen dubletter Fossilien verschiedener Localitäten aufgespeichert, daß ich ohne Mühe eine Sammlung von 700 Stücken zusammengestellt habe, die etwa 600 fossile Thiere, 70 Pflanzen, 30 lebende Conchylien begreifen dürfte.

Ich erlaube mir nun zunächst Ihnen einige Ratschläge betreffs Anlage einer Sammlung typisch wichtiger Fossilien anzubieten.

Vor allem ist es nöthig beim Auspacken aufs sorgsamste vorzugehen, weil eine dabei statt findende Verwechslung oft so gut wie unaustilgbar ist – u. bisweilen sich in die Bücher der Wissenschaft fortsetzt.

Zweitens empfehle ich bei Beifügung neuer Etiquetten die alten Originaletiquetten nie zu cassiren. Sie liefern eine Art Archiv für jede Nummer. Am Hofmineraliencabinet in Wien war dies strenge Regel u. Verpflichtung.

Meine Angaben von Fundorten sind zuverlässig, nur einige Stücke, die ich von Landauer habe, sind etwas apokryph, bes. die aus England. Ich habe diese auch meist mit Fragezeichen notirt. || Ich habe möglichst viel Typen ausgesucht. Einzelne Gruppen enthalten auch viele Arten wie Cerithium u. Cyathophyllum. Indessen ist Cerithium in der Oekonomie des Seestrandes ein wichtiges Element, auch enthält dasselbe noch viele subgenera zb. Cerithidea. Ueberhaupt sind fossile Gastropoden auch typisch wichtig, wenn man auf Ex. mit erhaltenem Mundsaum gefahndet hat. Solche sind aber oft selten. Cyathophyllum ist reichlich vertreten, enthält aber viele neue Genera, die ich noch nicht ausgeschieden habe. Ein gutes Handbuch für foss. Anthozoen ist E. de Fromentel, Introduction a l’étude des polypiers fossiles. Paris 1858-1861. 42 Bogen. Für Artbestimmung läßt es aber oft im Stich, bes. für deutsche Arten.

Für die Anthozoen empfehle ich Anschliffe zu machen, entweder auf einem Sandstein oder mit einer Feile. Den Schliff polirt man so gut es geht, u. macht ihn dann mit durchsichtigem Dammar etc. Lack durchscheinender. Einige Stücke habe ich selbst schon anpolirt. Auch Aetzen mit Salzsäure macht die Schliffflächen etwas durchscheinender.

Kalkschwämme habe ich mit Rücksicht auf Ihre augenblicklichen Studien reichlich beigelegt. Vielleicht erhalten sie einige Ergebnisse, wenn Sie Kalkschwämme von den Lochen in Salzsäure auflösten u. den Rückstanda unter dem Mikroskop untersuchen.

Solchen Rückstand habe ich auch aus dem Corallenkalk (Schicht E) von Nattheim beigelegt. || Dieser Nattheimer Rückstand enthält viele Spikulen von Spongien, Anthozoa Holothurien u.dgl. Prof. von Siebold hat über denselben Rückstand aus dem weissen Jura von Franken einen Aufsatz in Münster’s Beiträgen zur Petrefactenkunde veröffentlichtb, der Sie

vielleicht interessieren dürfte. Das Hauptwerk ist sonst Goldfuß Petrefacta Germaniae.

Vielleicht kennen Sie auch M. E. de Fromentel Introduction á l’étude des Sponges fossiles. Extrait du tome XI der Memoires de la societé Linnéenne de Normandie. Caen 1859 4°, 7 Bogen. 4 Tafeln. Vieles hat auch Quenstedt abgebildet u. beschrieben.

Die fossilen Pflanzen, ein paar Dutzend Exemplare, interessiren Sie wohl auch. Etwaigen Falles übernimmt solche wohl auch Ihr botanisches Museum.

Ich kann noch mehrere ebenso starke Suiten abgeben. Wissen Sie einen Liebhaber dafür (d.h. jemand, der wirklich Gebrauch davon machen will), so bin ich gern bereit, da ich mich in embarras de richesse befinde. Später sende ich Ihnen noch einmal eine zweite Kiste mit sorgsam für Ihre Zwecke ausgelesenen Stücken. An die Universität zu Rostock habe ich (durch Vermittlung von Archivrath Lisch der letztes Frühjahr bei uns in Homburg war) im Sommer schon eine Suite gesendet. Ich möchte gerne meine Reichthümer in die Welt hinaus bringen, da sie mir jetzt schon lange als todtes Capital auf dem Quartier liegen, und ich gern noch so viel Nutzen damit stiften möchte, als ich vermag. ||

Ich sage Ihnen auch meinen herzlichen Dank für die freundliche Zusendung Ihrer beiden werthvollen Schriften. Die über Schwämme habe ich bereits durchstudirt u. kann Ihnen einiges neue dazu mittheilen:

Ihr Genus Protascus in partibus infidelium ist, wie mir däucht, bereits in Incarnation getreten. Sandberger beschrieb in Leonhards Jahrbuch für Mineralogie 1849 ein birnförmig-urnenartiges Polyparium von Gerolstein unter dem Namen Sycidium reticulatum u. vergleicht es Conodictyum. Sollte dies nicht ein naher Abkömmling von Protascus sein?

Ihr Genus Sycidium p. 245 ist also schon überhohlt, Sie können es aber Sycarium oder Sycaridium oder ähnlich umtaufen.

Von Ihrer Erlaubniß Ihnen gelegentlich eine zoologische Frage vorzulegen, hoffe ich Gebrauch machen zu können. Ich lege auch jetzt schon ein paar Fragen Ihnen bei; dieselben gehen indessen auf etwa entlegenere Felder: vielleicht gewinnen Sie denselben aber gleichwohl Geschmack ab.

Indem ich hoffe, daß meine Sendungen Ihnen glücklich zukommen und einiges vom Inhalt Ihre Arbeiten fördern wird

geehrtester Herr Professor

Ihr hochachtungsvoller

Dr. Fr. Rolle

[Anlage]

Frage 1. Von unserem Hofgärtner ist mir die Aufgabe gestellt worden, wie vertilgt man Wasserratten an Fischteichen? – Mehl mit Phosphor dürfte den Ratten nichts anhaben. Arsenik darf man nicht legen, sonst könnte man den Teich vergiften. Die Wasserratten zu schießen oder mit Fallen (Selbstschüssen etc) heimzusuchen geht wegen Zeit und Kosten nicht an. – Katzen, Hunde, Marder etc stellen denselben auch nicht nach. – Die Frage ist in Bezug auf die Natur-Oekonomie nicht uninteressant, da sie uns die Wasserratten als eine Art unangreifbarer Riffpiraten erscheinen läßt. Ich wüßte kein anderes Mittel als den Fischteich in geschlossene Strandmauerung zu setzen, was aber kostspielig ist und die landschaftliche Schönheit beeinträchtigen dürfte.

Frage 2. Wie kommt es daß Lamarcks philosophie zoologique zu den seltensten Büchern gehört, die im Buchhandel und antiquarisch, wie mich mein Verleger versichert, nicht aufzutreiben sind!? Ist dies wirklich richtig und wenn es || richtig ist woher kommt es? Hat etwa Napoleon I die ganze restirende Auflage vertilgen lassen? Man kann es ihm schon zu muthen – denn er hat z. B. gegen die wissenschaftliche Staatsrechtslehre ähnliche Gewaltmittel in Anwendung gebracht; er lies in Frankreich alle Lehrstühle des philosophischen Staatsrechts schließen, wenn ich richtig berichtet bin. – Diese Frage ist auch nicht ohne Interesse für Geschichte der Naturwissenschaften u. der Cultur!

Frage 3. Ich habe in meinem Buche über Darwin’s Lehre die von der Erfurter Akademie gekrönte Preisschrift von Willdenow u. Homeyer benutzt, kenne sie aber nur aus einem Auszug. Auch von diesem Werk versicherte mich der Buchhändler, es sei nicht mehr aufzutreiben. – Würde es nicht von Interesse sein, dieses – so weit mir scheint – gut geschriebene, für die Pflanzenzüchtungsfrage vielleicht wichtige Werkchen – in Separatausgabe – oder in den Abhandlungen der Erfurter Akademie – wieder aufzusuchen und neu ins Leben zu führen? Die Preisschrift über pomologische Aufgaben soll Erfurt 1801. Gr. 8° erschienen sein. Mehr weiß ich darüber nicht.

a gestr. vermutl.: Rückstand; b gestr.: beigelegt; eingef.: veröffentlicht

 

Letter metadata

Recipient
Dating
06.10.1869
Place of origin
Country of origin
Possessing institution
EHA Jena
Signature
EHA Jena, A 20370
ID
20370