Eduard Oscar Schmidt an Ernst Haeckel, Graz, 8. Oktober, o. J.

Gratz 8. October

Lieber Freund

Vielen Dank für Ihre mich hoch interessirenden Reisemittheilungen. Ich möchte gar gern jetzt einige Tage mündlich mit Ihnen verkehren, um Sie tüchtig auszuquetschen. Einstweilen schicke ich Ihnen meine Kalkspongien und einiges aus Kopenhagen. Ich bitte Sie, wo möglich bis Weihnachten oder im Januar es mir zurückzusenden. Die Doubletten sind können Sie natürlich untersuchen. Ich denke auch, daß die Praeparate der grönl. Spongien für Sie interessant sein werden.

Ueber Ihre allgemeinen Ansichten traue ich mir noch kein Urtheil zu. Gegen die Zusammenstellung der Spongien und Corallen auf Grund der Embryologie wird man einwenden, daß auch die Würmer das Endo- und Ectoderm haben. ||

Die Berufung auf Axinella polypoides bedarf doch der Berichtigung, daß am ganz frischen Exemplar die Strahlen des Osculum von einem gemeinsamen Häutchen überzogen sind. Bei einer Varietät von Clavida ist die Entstehung dieser Oscula von höchst einfacher Form an durch alle mögliche Unregelmässigkeiten hindurch bis zur strahl-dendritischen Form zu verfolgen. Ich könnte also in diesen Strahlenbildungen, denen jede Zahlenregelmässigkeit fehlt auch nur eine zufällige Analogie erblicken. Von grosser Wichtigkeit scheint mir auch der Mangel an Nesselkapseln zu sein, die gerade auch bei der Greefschen Protohydra oder wie das Ding heisst so ausgezeichnet entwickelt sind.

Auch über Ihr Beginnen, Formen, welche auf einem und demselben Stocke vereinigt sind, in verschiedene Genera und Familien zu rangiren bin ich vor der Hand noch etwas verblüfft. Sie müssen consequenter Weise ein und dasselbe Individuum zu verschiedenen Lebensaltern in zwei oder mehrere Gattungen bringen. Ich zweifle z. Th. noch, daß sich die noch offene Ute utriculus schon genau so || fortpflanzt, wie später mundlos. Es scheint mir daher descendenzmässiger zu sein, bei der einfachen Benennung der verschiedenen, im Wesen untrennbaren Formen zu bleiben.

Ich erwarte von Agassiz noch eine letzte Ladung und nach dieser wird es sich richten, wann ich fertig sein kann. Ich habe ausgezeichnete Reihen, in welchen die Flüssigkeit der Spongienformen klar vor Augen liegt. Vor einigen Tagen hat mir auch Thomson einiges von seiner neuesten Expedition geschickt, darunter ein niedliches Hyalonema von 200 Faden, Farör.

Ich bin jetzt leider an den Landtag gekettet, möchte mich los machen, kann aber schauderhalber nicht!

An Gegenbaur beste Grüsse.

Ihr

Oscar Schmidt

Brief Metadaten

ID
17521
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Österreich
Entstehungsland zeitgenössisch
Österreich-Ungarn
Datierung
????.10.08
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
3
Umfang Blätter
2
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17521
Zitiervorlage
Schmidt, Oscar an Haeckel, Ernst; Graz; ????.10.08; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_17521