Julius von Soden an Ernst Haeckel, [Vorra], 26. April 1893

26/IV. 93.

Sehr verehrter Herr Professor

Seit acht Tagen bin ich endlich wieder einigermaßen seßhaft und im Besitze der nöthigen Zeit und Ruhe, um eine längst fällige Dankesschuld an Sie abzutragen. Als ich eben im Begriffe stand Ostafrika den Rücken zu kehren, erhielt ich das Glaubensbekenntniß eines Naturforschers, das Sie die Güte hatten mir zuzusenden; es war mein treuer Begleiter von Dar es Salam nach Bombay, Agra, Aden, Triest bis zu dem Bierdorfe Vorra || wo ich derzeit mein wanderndes Zelt aufgeschlagen habe, ich habe es iterum iterumque mit Andacht gelesen und auch durch alle Fährnisse zu Wasser und zu Lande glücklich in meine hiesige Bibliothek gerettet – wenn ich wie seiner Zeit in Algier die Ehre gehabt hätte, Sie meinen Begleiter zu nennen – so hätte ich gern manche Frage und manchen Zweifel auf dem Herzen gehabt, womit Sie schriftlich zu belästigen unverantwortlich wäre. Wenn ich Ihnen sage daß ich hier Patronatsherr bin & es gleichsam für meine Pflicht halte, sonntäglich zur Kirche || zu gehen, statt des Kgl. Bayerischen Gesangbuches aber meist einen Band Göthe in der Hand habe & zum Entsetzen meiner neben mir sitzenden Schwester die römischen Elegien nach den ältesten Kirchenliedern singe – so können Sie sich denken, daß ich kein ganz reines Gewissen habe und mir selbst als ein ganz verfluchter Heuchler vorkomme … Zu dem neuen Glauben ist aber der bayerische Durchschnittsschädel noch viel zu dick – soll ich ihm deshalb seinen alten Glauben nehmen? Der doch immer besser ist als gar keiner; wenn ich aber meine eigene Ungläubigkeit zur Schau trage, || so bringe ich den alten Glauben schon in Miskredit; es ist doch nicht recht Jemandem sein schlechtes Essen zu verekeln, wenn man nicht zugleich ein besseres zur Hand hat. Entschuldigen Sie diese Abschweifungen – jetzt sollte ich eigentlich auch ein politisches Klagelied anstimmen – doch damit will ich Sie verschonen … ich lese gerade in meiner Zeitung daß irgend ein römischer Pfaffe den „schwarzen Adlerorden“ bekommen hat. Dies sagt genug schon … von Kolonialpolitik wie sie zur Zeit betrieben wird, will ich nichts mehr wissen und hoffe mit der Zeit ganz wo nicht vom Staatsdienst (was mir das Liebste wäre) || so doch vom kolonialen Dienste loszukommen; da unser guter Reichskanzler die Kolonien überhaupt für Schwindel hält … so hat er sie nach und nach auch in Hände von Schwindlern gelangen lassen, eitle Streber, Pfaffen & Gründer treiben dort ungestraft ihr Unwesen; um alle diese Leute zu Hause in guter Laune zu halten & nicht zu Feinden der Regierung zu machen, werden die eigentlichen Interessen der Schutzgebiete wenig beachtet … wenn dabei nur wenigstens der eigentliche Zweck dieser Politik erreicht würde: nämlich die Leute zu Hause zufrieden zu stellen, aber nicht einmal das ist der Fall; geschimpft wird doch wenn auch der Kayser durch seine jüdischen Verbindungen in Presse & Reichstag vorerst den Sturm noch zurückhält. Weshalb || Caprivi diesen Mann, trotzdem er ihn im Stillen die tiefste Verachtung widmet, nicht zum Teufel jagt … ist eine der vielen Unverständlichkeit in dem Gebaren dieses Herrn … Vielleicht gelingt es mir, wenigstens auf einige Zeit zur Disposition gestellt zu werden, eine Zeit die ich sehr gerne dazu benutzen würde, um meine sehr lückenhaften (um mich noch euphemistisch auszudrücken) Kenntnisse zumal in den Naturwissenschaften einigermaßen auszufüllen … wenn ich in dieser Beziehung in meinem seiner Zeit berühmten (jetzt muß ich oft drüber lachen) Stuttgarter Gymnasium etwas mehr vorbereitet worden wäre, mit wie viel größeren Nutzen & Genuß hätte ich Gottes weite Erde durchstreifen können! ||

Da meine Zukunft zur Zeit noch eine sehr ungewisse ist, kann ich leider keine großen Plane schmieden – ich habe dem Reichskanzler versprechen müssen, mich bis zum Ablauf meines Urlaubs – im Monat Juli – zunächst passiv zu verhalten und bloß meiner Gesundheit zu leben, die Gottlob nichts zu wünschen übrig läßt; dieser Zustand ist mir schon recht entleidet & ich sehne mich bereits wieder hinaus – darf dies aber nicht laut sagen, um meine Umgebung und Familie nicht beleidigen … zu der ich demnächst eine Rundreise in Bayern Schwaben & Nassau antreten muß. Von unserm gemeinsamen Freunde Galli | habe ich schon ewig nichts mehr gehört… doch da er noch lebt, so halte ich dies für ein gutes Zeichen & schließe daraus daß er doch kein Schwindsuchtskandidat war …

Sollte Sie sehr verehrter Herr Professor ihr Weg je einmal in die Gegend zwischen Nürnberg & Bayreuth führen, so machen Sie mir doch einmal die Ehre eines Besuches … Das Bierdorf Vorra liegt sehr hübsch im Pegnitztal am Eingang in die fränkische Schweiz an der bayerischen Ostbahn, es giebt gutes Wasser, gute Luft und schöne Spaziergänge & fette Forellen … nur die Menschen lassen viel zu wünschen übrig, mit denen brauchen Sie sich ja aber nicht weiter abzugeben. Mit nochmaligem Danke, den besten Wünschen für ihr ferneres Wohlergehen und vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener

J. v. Soden

Brief Metadaten

ID
13270
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
26.04.1893
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
8
Umfang Blätter
4
Format
14,0 x 22,1 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 13270
Zitiervorlage
Soden, Julius Freiherr von an Haeckel, Ernst; Vorra; 26.04.1893; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_13270