Gegenbaur, Carl

Carl Gegenbaur an Ernst Haeckel, Heidelberg, 5. April 1875

Heidelberg, 5. April 75

Liebster Freund!

Gestern von einem mehrtägigen Ausfluge nach Nürnberg zurückgekehrt, finde ich Deinen lieben Brief vor, der über Dich und Deine Expedition längst erwünschte Nachricht bringt. Daß Alles in Carlsruhe nach Wunsch gegangen war, hatte ich schon von dorther vernommen, und so hatte ich Dich denn in Gedanken durch das „trou de Belfort“ ins mittägige Frankreich begleitet, und freue mich jetzt Dich wirklich und wohlbehalten am Ziele der nächsten Wünsche zu wissen. Daß Du Dich mit den Spongien beschäftigst ist eine unzweifelhaft vernünftiges Beginnen, denn abgesehen von der Befriedigung die es Dir gewähren muß an früheres anzuknüpfen, bekommst Du Anlaß Dich gegen die bekannten Angriffe zur Wehr zu setzen, und das Terrain das Du Dir erobert hattest zu verteidigen. Ich halte das für außerordentlich wichtig, und würde es tief beklagen wenn Du wirklich wie Du hier die Miene hattest, den Gegnern Dich kampflos preisgeben wolltest. || Es ist gewiß nicht schwer die Mecznikoffsche Angabe, wenn sie überhaupt richtig ist, mit Deinen Auffassungen in Einklang zu bringen, und dabei den Leuten zu zeigen was Haupt- und was Nebensache ist.

Wie die Dinge gegenwärtig liegen, ist richtige Arbeit das zuverlässigste Förderungsmittel unserer Zwecke. Je mehr der empirische Boden fruchtbar gemacht wird, desto reicher die Ernte, und ist einmal von vielen Seiten her das Feld in richtiger Bestellung und rationellem Betriebe, so zweifle ich nicht am besten Erfolge. Die in alten Vorstellungen Eingerasteten werden sich naturgemäß nicht mehr ändern, aber der jüngeren, unbefangeneren Generation gilt es zu zeigen auf welchem Wege man zu einem wissenschaftlichen Ziele gelangen kann, und da gilt nur das eigene Beispiel, die Gesammtaufgabe theilt sich in unzählige Einzelaufgaben. Die letzteren können von Jedem, der Sinn und Verstand besitzt, angegriffen werden, und je mehr das geschieht desto größer wird das Stück das am Ganzen sich vollendet.

Wenn wir auch Vieles im Geiste fertig sehen, so ist es doch noch keineswegs in Wirklichkeit, wenn wir uns nicht mit dem blassen Schein begnügen wollen. Gehen wir also an den stückweisen Bau. Du schienst mir der Detailforschung || geringeren Werth beizulegen als früher, und deßhalb war es mir Bedürfniß mich gegen Dich auszusprechen, da ich jenen Standpunkt für den richtigen halte. Jedenfalls ist er der practischere da Alle ihn einnehmen können, und da er einen festeren Boden unter sich hat. –

Von hier kann ich Dir melden daß Fischer neulich die Berufung nach L. bekam, aber nach drei Tagen sich für’s bleiben entschied, was uns sehr erfreulich war. Die ganze Sache verlief übrigens in der schönsten Weise, und das Carlsruher Ministerium hat sich dabei vortrefflich benommen. Auch einen Besuch C. Vogts hatte ich kürzlich. Ich nahm Gelegenheit Ihn wegen seines Artikels in der Fr. Z. zu interpelliren. Es hat ihm das offenbar nicht angenehm erschienen, aber auch der Mohr ist nicht weißgewaschen! Am meisten schien auf ihn Eindruck zu machen, daß das Ganze so sich ausnähme als wolle er noch in seinen alten Tagen sich einen Heiligenschein erwerben! Dagegen protestirte er in der heftigsten Weise, was mir sehr erheiternd war. – Daß die Berliner Professur an Hartmann oder Fritsche,1 wahrscheinlich an den ersteren vergeben wird, könnte eine Neuigkeit sein, wenn etwas Neues dabei ins Spiel käme. So bleibt aber Alles beim Alten damit. ||

Bei mir im Hause ist Alles wohl, und sehnt sich nach dem Frühling, der recht zögernd herbei kommt, und damit auch in mir schon manchmal den Wunsch nach einer Alpenüberschreitung hat entstehen lassen. Doch für dießmal muß ich mich mit Heidelberg begnügen, und gestalte mir die Pfälzer Ebene zu einem Meere aus dem ich mir die Haardt als einen Archipel emporsteigen lasse.

Grüße mir Hertwigs freundlichst, denen ich, wie nicht minder Dir selbst, besten Erfolg wünsche. Empfange denn noch von mir wie von meiner Frau herzliche Grüße und denke zuweilen an Deinen

treuen

C.Gbr.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05.04.1875
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 9996
ID
9996