Gegenbaur, Carl

Carl Gegenbaur an Ernst Haeckel, Freiburg, 5. April 1868

Freiburg, 5. April 1868.

Liebster Freund!

Dein Naturell läßt mich erwarten daß Du Dich beim Empfang dieses Briefes mit Hoffnungen für mich trägst, die in keiner Weise begründet sind, weßhalb ich sogleich Dich auf den Boden der Wirklichkeit herabzuziehen beginnen muß. Wenn ich Dir auch nichts besonders Gutes mittheilen kann, so drängt es mich doch zu Dir hin, als dem Einzigen der Verständniß hat für mein Empfinden und Wollen, und Theilnahme für den ganzen Umfang meiner Bedrängniß.

In Würzburg habe ich an meinem theuren Kinde viele Freude gehabt. Ich traf dasselbe vollständig gesund, nachdem es einige Wochen vorher eine leichte kattarrhalische Affection hatte. Auch meinen Vater fand ich leidlich wohl. Meine Schwiegermutter war dagegen ziemlich leidend, und ich muß befürchten daß sich ein chronisches Uebel entwickelt, welches mir immer dringender gebietet für meines Töchterchens Zukunft erneute Sorge zu tragen. Am 2 April begab ich mich hieher, wo mir Land und Leute sehr zusagen. Die Natur ist überaus herrlich, und nach der faden Würzburger Landschaft erquicke ich mich an den herrlichen Bergformen des Schwarzwaldes. Während ich dieses schreibe habe ich vor mir den prächtigen Ausblick auf den Schauinsland der mich ans Albanergebirge lebhaft erinnert. Weißmann, der Dich freundlich || grüßen läßt, hat mich gut aufgenommen, zu einer Förderung meiner Zwecke kann er mir jedoch nicht behilflich sein. In geselliger Beziehung steht er ziemlich isolirt, woran wohl die politischen Verhältniße Schuld tragen. Die überwiegende Mehrzahl der hiesigen Liberalen ist keineswegs, wie er, bismarkisch gesinnt. Durch W. kam ich daher nur mit wenigen Leuten in Berührung, und da überdieß Ausflüge in die Berge oder ein Zusammentreffen in einer Kneipe meinen Absichten nicht entsprechen, so habe ich einen entschiedenen Fehlgriff gethan. Mehr sagt mir Ecker zu, in welchem ich einen sehr anständigen Collegen kennengelernt habe. In einigen Tagen werde ich von hier nach Heidelberg gehen, um dort über Ostern zu verweilen.

In Würzburg habe ich Leydig getroffen, der noch komischer geworden ist. Auch den „Collegen Gerhardt“ traf ich zufällig. An Schenk’s Stelle hat man Sachs berufen. Für die Physiologie ist Pflüger und Fick in Vorschlag. Auch an Czermak hatte man gedacht. Für eine philol. Professur hat man u. a auch Moritz Schmidt vorgeschlagen.

Eben kommt Weißmann wieder zu mir um mich zu einem Spaziergang abzuholen. Ich schließe daher diese Zeilen, denen ich nur noch die Mittheil. beifüge daß Miklucho mir kürzlich schrieb er wolle zu Anfang April wieder nach Jena. Ich habe ihm geantwortet daß er dort nicht arbeiten könne da ich auf der Anat. alles || abgeschlossen habe, er solle warten bis ich wieder dort sei. Wenn er wirklich kommen sollte, so stelle ihm gelegentlich vor daß es unpassend sei in meiner Abwesenheit einzudringen. Bei M. muß man auf alles gefaßt sein! Dohrn war auch hier und hat unseren Ansichten conforme Eindrücke hinterlassen!

Mit beßtem Gruße an Deine liebe Frau, nimm den Ausdruck meiner innigen Freundschaft, mit der ich stets bin

Dein

C.G.

Briefe nach Würzburg.

 

Letter metadata

Verfasser
Empfänger
Datierung
05.04.1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 9952
ID
9952