Bölsche, Wilhelm

Wilhelm Bölsche an Ernst Haeckel, Mittel-Schreiberhau, 10. August 1919

Mittel-Schreiberhau i/R.

Haus Bölsche.

10.8.19.

Lieber Freund!

Vielen herzlichsten Dank für die große Freude, die Du mir mit Deinem wundervollen Geschenk bereitet. Die köstliche farbige Radiolarientafel habe ich sogleich zum Einrahmen gegeben, um mich dauernd an der Wand meines Arbeitszimmers daran zu erfreuen. Ganz besonders dankbar bin ich Dir für die Eifelbilder, die mir und meiner Frau (die ja Eifeler Kind ist) schönste Lebensstunden wieder aufleben ließen. Wie stimmungsstark ist die Vulkanöde der Explosions-Maar mit dem verlorenen Kirchlein und alten Wachholder herausgekommen! Das Dorf erinnerte mich an einen denkwürdigen Eindruck im Frühjahr 1914: ich war auf einer Wanderung von Andernach nach dem Laacher See und geriet plötzlich in ein Dorf (Gegend von Kruft), das fast ganz aus roten Lehmbrocken erbaut war und mich in Gedanken fern nach Nikolosi am Aetna versetzte, wo mir ähnliches begegnet war. Die Eifel ist mit ihren vielfachen Wundern („Deutschland‘s || Yellowstonepark” habe ich sie einmal genannt) noch viel zu wenig bekannt. Ach ja – und jene schöne Wanderung von 1914 lag auch noch vor dem Weltbrand, in jenem sonnigen Frühling, wo keiner an die apokalyptischen Reiter dachte, die doch schon unsichtbar ritten....

Und nun der Farbenzauber Deiner neuen Jenenser Skizzen! Es liegt ein Duft und Reiz über ihnen, wie Du ihn in so viel Schönem von früher doch vielleicht nie so erreicht hast. Als wehten alle Deine zahllosen Erinnerungen, Mittelmeer, Tropen, Palmen, Korallen, sonnen-umglänzte Vulkane, blaues Meer bei Messina u. Sorrent, – alles in eins zusammen und umgoldeten das alte Jena, dass es glüht und leuchtet, wie es so viele Jahre in Deinem sonnenfrohen Auge geleuchtet hat.

Ich lege Dir ein kleines Blättchen bei, leider nur Text, nicht Bild, – von eigenem Reiseerlebniß in dem Urwald von Bialowies. Leider ist || das uralte Waldidyll wohl inzwischen von wüstem Bauernvolk zerstört, so daß es nur noch in ein paar letzten Besuchern fortlebt. Ja, ja, es geht etwas durch die Welt wie in dem alten Kommersbuchvers: alles, alles muß verujenieret sein. Und ob‘s besser wird?? Wenn uns jetzt schon der Herr Erzberger präsentiert wird als Quintessenz des Neuen!? Ich fürchte eine Zeit, die uns (symbolisch gesprochen) die Sixtina übermalt, weil sie nicht kubistisch und futuristisch ist. Mit dem Futurismus werden wir uns als halbwegs vernünftige Leute (wenn auch der deutsche Michel sieben Binden um den Kopf hat mit Schlafmützentroddeln dran) schon wieder abfinden, aber wenn dann die Sixtina verkleckst ist...? Ich fürchte, das passt wirklich im Bilde auf diese überhetzten || Neuerungen auf allen Gebieten, denen das organische Wachstum fehlt. Es war ja vieles morsch u. reif bei uns wie in solchem alten Walde. Aber ich kann mir nicht helfen: nachdem der Cölner Karneval jetzt fünf Jahre nicht getagt hat, scheint mir ein karnevalistischer Zug die ganze Welt ergriffen zu haben. Karl Vogt hoffte bis an sein Lebensende (das ihm der viele Bordeaux u. die Trüffelpasteten schwer machten) auf eine Rehabilitierung des alten Rumpfparlaments, die ihn noch einmal zum Kaiser von Deutsch-land machte, – viel fehlt nicht mehr daran.

Inzwischen regnet‘s hier zum Schwimmhäutewachsen, ein Strom von Fremden aber hat sich auf die Rübezalberge ergossen, wie noch nie, alles amüsiert sich, frisst sich auf den böhmischen Bauden rund, begießt den Zerfall Deutschlands, – es blühen die Kinos, spiritistische Sitzungen, jeder Blödsinn – – und über diesem Völklein schwingt Herr Erzberger seinen Zauberstab. Ich habe alles zu irgend einer Zeit einmal für bevorstehend gehalten – Sozialismus, Anarchie – – aber der Weltgeschichtskobold ist uns allen noch über!

In Liebe und Treue

Dein W. Bölsche

[Beilage Pflanzensendung im Kuvert mit Aufschrift: ]

Das einliegende Pflänzchen (Botrychium lunaria), das ich in den Schneegruben des Riesengebirges fand, amüsiert Dich vielleicht als alte botanische Erinnerung!

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
10-08-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 9754
ID
9754