Bölsche, Wilhelm

Wilhelm Bölsche an Ernst Haeckel, Friedrichshagen, 4. Juli 1913

Friedrichshagen

b. Berlin,

Seestr.63.

4.7.13.

Lieber Freund!

Vielen, vielen herzlichsten Dank für die wundervolle Sendung, die mir die größte Freude gemacht hat. Da ich noch hier bin, wurde sie mir erst hierher nachgesandt. Meine Familie ist schon nach Schreiberhau, ich fahre aber erst etwa Mitte des Monats nach, da ich hier noch mancherlei erst zu erledigen habe. Dein || humorvoller Brief hat mich ebenfalls außer-ordentlich gefreut. In all den von Dir erwähnten Punkten stehe ich selbstverständlich mit ganzer Kraft und Liebe zur Verfügung.

Ich habe mich in zufälliger kleiner Nebenarbeit in den letzten Wochen mit Humboldts „Kosmos" beschäftigt. Ein Berliner Verlag wollte die besten Teile daraus in einem schmucken kleinen Bande herausbringen. Ich schrieb eine Vorrede dazu und wählte für den Text die beiden ersten Kapitel des ersten und den || ganzen Text des zweiten Bandes. Diese mehr allgemein philosophischen, ästhetischen und kulturhistorischen Abschnitte sind eigentlich nirgendwo veraltet, und ich war beim Lesen erneut überrascht von ihrer Schönheit. Staunenswert auch, daß dieses Werk zu großen Teilen zwischen dem 80. und 90. Lebensjahr von Humboldt geschrieben ist! Ich weiß nicht, ob Dir je die zerstreuten, aber sehr interessanten Andeutungen aufgefallen sind, die in dem „Kosmos" || hier und da schon auf prädarwinistische Stimmungen deuten, z.B. wenn Humboldt S. 486 des I. Bandes auf Unger‘s (schon so sehr prädarwinistische) Botanik hinweist, oder in Bd. III S. 14 mit der Anmerkung 20 dazu, wo Humboldt von den „Mittelgliedern der Kette (von den niederen zu den höheren Formen der Wesen!) in den untergegangenen Formen von Tier- und Pflanzenarten" spricht.

Nochmals mit vielem Dank und den herzlichsten Grüßen

Dein

W. Bölsche

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-07-1913
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 9723
ID
9723