Bölsche, Johanna

Johanna Bölsche an Ernst Haeckel, Köln, 21. September 1899

Köln den 21. September 1899.

Sehr verehrter Herr Professor!

Sie werden sich wundern von mir aus dem heiligen Köln zu hören. Gar so verwunderlich ist es aber doch nicht, da meine Eltern hier wohnen die mich, seit ich meinem lieben Willi nach Friedrichshagen folgte, nicht mehr gesehen haben. Als Willi nun nach Frankfurt mußte, um dort den Vortrag bei der Goethefeier des Arbeiterverbandes zu halten, entschloß ich mich kurz die Reise nach Hause zu machen, da mein lieber Mann im andern Fall direkt zurückgekommen wäre da ich das Alleinsein seit dem Tode unseres Lieblings absolut nicht vertragen kann. Unser kleiner Karl geht prächtig vorwärts, bald hoffe ich Ihnen denselben zeigen zu können, wenn es denn auch nicht ihr Pathchen ist, denke ich || doch, daß Sie den lieben, herzigen Bub in Ihrem Herzen an dieselbe Stelle setzen. Der Zweck meines Schreibens ist eine Bitte. Seit langer Zeit schon ist Willi’s großer Wunsch ein gutes Fernglas zu besitzen. Nun wurde mir in diesen Tagen hier gesagt das „Seitz“ oder „Zeitz“ (geschrieben habe ich den Namen nicht gesehen nur gehört) in Jena die besten Krimstecher machten. Wenn die Preise nun nicht zu hoch sind (30 Mk habe ich zu dem Zweck schon gespart) will ich bis Weihnachten weiter sparen, damit ich dann mein liebes Männchen damit erfreuen kann. Wäre es nun zu unbescheiden wenn ich Sie bei Ihrer so sehr beschränkten Zeit bäte, sich einmal bei Gelegenheit zu erkundigen was ein Glas wie es für Willi nöthig ist (Sie wissen ja wie dasselbe wohl sein müßte) kostet. Vielleicht senden Sie mir noch hierher die Nachricht, damit mein Mann nichts merkt. Seien Sie aber nicht ärgerlich über die Zumuthung.

Bis zum 5. Oktober bin ich noch hier. Wenn ich zurückkomme wird unser erster Besuch bei Ihrer Fräulein Tante sein. Schon lange war es Willi’s Plan der Biographie wegen. Die Ausführung unterblieb aber durch all das Leid und die traurige Zeit. Hoffentlich haben wir im Laufe des Winters oder des kommenden Frühjahrs die Freude Sie wieder frisch und gesund wie immer bei uns zu sehen. Ich freue mich schon wieder darauf. Ihr Gesundheitszustand wird trotz Ihrer Schwarzseherei so gut sein als Sie es wünschen mögen, daß es dauernd so bleibe, hofft und wünscht Ihnen Ihre Sie

herzlich grüßende

Johanna Bölsche

pr. Adr. Herrn Direktor W. Walther

Köln a/Rhein Kaiser Wilhelmring 4

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-09-1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 9595
ID
9595