Bölsche, Wilhelm

Wilhelm Bölsche an Ernst Haeckel, Friedrichshagen, 7. August 1892

Friedrichshagen, Wilhelmstr.72.

7.VIII.92

Hochverehrter Herr Professor!

Herzlichen Dank für Ihre Zeilen. Der Spreewald ist im September sehr schön, – er ist es übrigens zu jeder Jahreszeit. Die vielleicht „echteste" d. h. merkwürdigste Zeit ist die August-hitze, sie hat aber der Mückenplage wegen auch ihre Unannehmlichkeiten. Für den oberen Spreewald (auf ihn beziehen sich alle meine Schilderungen und im Wesentlichen auch allein meine spezielleren Kenntnisse) genügen vielleicht drei Tage. Sonnabend nach Lübbenau, von da || mit dem Kahn über Leipe in ein paar Stunden zum Spreewaldhof bei Burg, einem nicht eleganten, aber sehr angenehmen Restaurant in völliger Natureinsamkeit. Sonntag ist der Kirchgang in Burg der wendischen Trachten wegen merkwürdig. Montag mit Rundfahrt durch den Wald nach Lübbenau (resp. Berlin) zurück.

Leider ist vor einiger Zeit der beste Kenner des oberen Spreewaldes, ein alter Hauptmann a. D., der mitten in der Einsamkeit auf einer grünen Insel hauste, gestorben, − ein köstlicher Kauz, der || glücklich war, wenn ihn jemand besuchte. Er hat viele Jahre Material zu einer Riesenarbeit über den Spreewald gesammelt, leider aber dazu so viel Cognak getrunken, daß er nie zur Vollendung gekommen ist!

Ich reise morgen mit meiner Frau nach dem Berner Oberland, bin aber spätestens 7 od. 8 September wieder hier. Sollte es dann noch früh genug sein, so würde es mir eine sehr große Freude sein, Sie in den Spreewald begleiten zu dürfen

Mit herzlichsten Grüßen

Ihr W. Bölsche

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
07-08-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 9558
ID
9558