Aigner, Eduard

Eduard Aigner an Ernst Haeckel, München, 4. Februar 1919

DEUTSCHER MONISTENBUND

GESCHÄFTSSTELLE

GESCHÄFTSSTUNDEN: 9‒1 UND 3‒6 UHR

FERNSPRECHER: NR. 21786

ZAHLSTELLE: POSTSCHECKAMT MÜNCHEN KONTO 1159

DES DEUTSCHEN MONISTENBUNDES

MÜNCHEN, DEN 4. Februar 1919

Theatinerstr. 33/IIa

Sehr geehrter Herr Professor!

Ganz besonderen Dank für Ihren ausführlichen Brief, der mir zeigt, wie rege Ihr Interesse an den Arbeiten des Bundes ist. Ich versuche es, mit bestem Willen und nach besten Kräften den schlummernden Bund zu wecken. Es scheint, zu gelingen, denn grösser als je ist das Interesse für unsere Bestrebung und besser als je ist der Boden in den breitesten Volksschichten. Wir arbeiten z. Zt. im Freidenkerbund und bei den Arbeitslosen, ebenso wie bei den Gebildeten und Kapitalisten.

Besten Dank für die übersandten Drucksachen, von denen besonders das Nachwort zu dem Vortrag über Monismus mein Interesse erregte. In aller Kürze wird da der heutige Stand der Wissenschaft im Gegensatz zu den kirchlichen Dogmen gekennzeichnet.

Ich habe durch die Geschäftsstelle Ihnen, sehr verehrter Herr Professor, 5 Exemplare der Schrift „Was wir Ernst Haeckel verdanken“ überweisen zu lassen, um sie wunschgemäss durch Sieb an unbemittelte Lehrer senden zu lassen. Möge die Schrift weiter ihren Leserkreis finden!

Zur Zeit stehe ich in lebhafter Korrespondenz mit Riess in Hamburg und Henning in Frankfurt. Ueberall wird gearbeitet. Prof. Wahrmund war hier, auch er war erfreut über das pulsierende Leben und in der breitesten Oeffentlichkeit ist sein Vortrag über Trennung von Kirche und Staat Gegenstand der Aussprache geworden. Noch etwas habe ich hier getan, was vielleicht originell ist, ich habe mich mit den Altkatholiken ins Benehmen gesetzt, um, entsprechend dem Entwicklungsgedanken zwischen der römischen Kirche und dem Monismus den rückständigen Individuen Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. So sehe ich hoff-||nungsfreudig kommenden Zeiten entgegen und gewinne immer mehr das Vertrauen, dass wir Monisten berufen sind dem Volk und der Regierung jetzt eine kulturpolitische Stütze zu sein.

Heinrich Schmidt wird in den nächsten Tagen zu uns kommen und ich hoffe von ihm gute Nachricht über Jena zu erhalten. So drücke dankbar und herzlich Herrn Professor die Hand. Mit den besten Grüssen

Ihr Ergebenster

Dr. Aigner

a gestr.: HARTMANNSTR. 8/II; eingef. mit Stempel: Theatinerstr. 33/II; b eingef.: durch Sie

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-02-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 8887
ID
8887