Seinem lieben Wandergenossen
Ernst Haeckel
zur freundlichen Erinnerung
an die Nacht von 16-17 Jun. 1859.
Gedenkst Du noch der Sommernacht,
Mir kam sie nimmer aus dem Sinn,
Die uns nach Ischia gebracht? –
Wie schwamm die Barke still dahin,
Wie wars so lautlos weit und breit,
Unnennbar feierlich und hehr,
In sterndurchstrahlter Herrlichkeit
Umfingen Himmel sich und Meer
Und magisch leuchtete die Flut,
Wenn’s Ruder leichte Wellen schuf
Und drüber düsterroth die Glut
Der letzten Lava des Vesuv. – ||
Fremd waren wir einander noch
Wir sahn uns ja kaum eine Stunde
Und beide triebs zu reden doch
Uns bald aus tiefstem Herzensgrunde;
Von Allem, was uns lieb ud werth
Und wie’s bisher mit uns gekommen;
Was uns ein hold Geschick bescheert,
Was uns ein feindliches genommen,
Vom Elternhaus, vom Heimatland,
Von glückerfüllten Jugendtagen –
Und herzlich drückten wir die Hand
Einander. – Brauch ich Dir’s zu sagen?
Und endlich auch von Deinem Lieb
Erzähltest Du – dann warst Du stumm –
Indeß das Schiff still weiter trieb
Und lautlos wieder wars ringsum. ||
Längst schwand der Posilipp vorbei
Auch Bajä’s Golf und Cap Misen
Und als dann Procida ward frei
Erhob sich leichtes Morgenwehn;
Doch bald im ersten Sonnenglanz
Erstrahlt des Epomeo Haupt
Und Ischia lag vor uns ganz
Und herrlicher als wir geglaubt,
Und drüben winkte – o wie schön,
Wie lieblich lockend lag es da,
An seinen rebengrünen Höhn –
Das holde Casamicciola! –
Wie ging uns dann das Leben auf
In ihm! Du weißt es ja. Und nun – ?
Nun ists ein stummer Trümmerhauf,
Ein grausig Grab. – Doch laß es ruhn. ||
Denk lieber: wie uns nun vereint
Ein Dasein ward, ein Herzensglück,
Das uns so lang die Sonne scheint
Kein Tag wohl jemals bringt zurück.
Doch was die Herzen uns erschloß,
Was uns zu Freunden hat gemacht,
War nur – meinst Du nicht auch Genoß,
Die Meerfahrt in der Sommernacht.
H. A.