Allmers, Hermann

Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 6. August 1884

Rechtenfleth

6/8 84.

Mein herzlieber Haeckel.

Endlich bin ich zurück, wurzle wieder seit einigen Tagen im alten lieben Heimatsboden. Noch habe ich die Feder kaum berührt und nur um ein paar Haushaltsnotizen und nothwendige Karten zu schreiben, der erste ordentliche Brief aber soll nach dem mir so lieb gewordnen alten Jena gehen um Dir für die herzerquickenden Stunden die mir dort wiederum Dein Haus und Herz bereitet haben meinen Dank darzubringen. Ja, diese ruhig schönen Tage in Deiner schön gelegenen Villa Medusa || darf ich diesmal gradezu für den Höhe- und Glanzpunct meines a ganzen Ausflugs nennen dessen Sonnenglanz mich sicherlich noch den ganzen einsamen und einförmigen Winter b hindurch erfüllen und erwärmen wird. Unsere Herzen aber haben jene Stunden nach dem erstenc Viertel-Jahrhundert unsrer Freundschaft wieder von Neuem nahe gebracht und (wenigstens das meine) mit erneutem Dank gegen das gütige Geschick erfüllt das uns vor 25 Jahren durch die unvergeßliche „§Meerfahrt in der Zaubernacht“ so schön zusammen führted. –

Dir freilich kann ich ja hinfort Nichts mehr sein und gebene und wundre mich überhaupt, daß ichs, wie Du ja meinst jemals gekonnt habe. Aber vielleicht kann ich noch einmal anf Deinem Walter || g die Liebe die Du mir zugewendet wieder vergelten, zumal wenn er Künstler werden sollte. Mir ist in den wenigen Tagen der Junge außerordenlich lieb geworden und so oft ich daran denke thut es mir jetzt leid daß ich nicht dringender h dafür sprach daß er mit nach Paulinzelle gehen möge, trotzdem esi Dir wie Deiner lieben Frau nicht ganz recht zu sein schien. Ich hätte es aber dennoch gethan, wenn j der Himmel nicht ringsum mit so regendrohenden Wolken bezogen gewesen wäre, die sich allerdings auch einigemale ergossen. Der Abend in den erhabenen Kirchentrümmern aber war wunderschön und auch mein Mitgenoß der junge hochgebildete Landschaftsmaler Feldmann dem Walter gleichfalls sehr gefallen hatte || bedauerte ihn nicht mit zu haben und hätte schon bald herausbekommen ob eine echt künstlerische Natur in ihm stecke, worüber ich noch nicht ganz im Klaren bin. Das heißt über seinen Gestaltungsdrang, denn ein feines Schönheitsgefühl besitzt er. Ohne jedenk Zweifel bin ich darüber. Nach seiner Confirmation muß ich jedenfalls einmal wieder mit ihm zusammen sein, sei’s wo es sei, in Rechtenfleth oder sonst wo und wie glücklich sollte michs machen, meinem lieben Wahlneffen dann in seinem herrlichen Berufe die l ewige

Schönheit der Natur durch Menschenkunst zu verklären und zu vergeistigen nützen und fördern zu können, ihm als treu er Rather zur Seite zu stehen m.

Noch freilich fehlt ihm für die || Künstlerlaufbahn der rechte Zug und Schwung, der sich bei Dir sicherlich schon sehr früh eingestellt haben wird. Aber bei Einem tritt diese Begeisterung n eher, bei dem Anderen später ein und laß ihn nur erst die Knabenzeit hinter sich haben, wird sich Alles schon klar herausstellen. Daß er unendlich brav, rein und gemütvoll ist brauche ich Euch ja nicht erst zu sagen, denn Ihr glücklichen Eltern wißt das besser als ich, darum nur so viel, daß er durch seine noch wahrhaft kindliche Liebenswürdigkeit mein ganzes Herz gewonnen o, p während die Klugheit q Eurer Lisbeth mich nicht minder r aufrichtig erfreut hat. Ja Ihr werdet noch sicherlich eine Fülle reinster Freuden an Euren Kindern erleben und Du erst bist vollends glücklich zu preisen. ||

Vom weiteren Verlauf meiner Reise ist nicht Viel zu sagen. Von Paulinzelle besuchte ich bei Ilmenau den durch Göthes herrliches Nachtlied geweihten Kickelhahn verlebte ein paar Tage bei meinem armen einbeinigen s und ältesten Freunde Menke in Gotha, ein paar ruhig trauliche Tage, sah in Fulda eins der ältesten deutschen t Bauwerke, die hochintressante

Unterkirche St. Michael von 822; weilteu im alten malerischen Gelnhausen mit hohem Genuß in den Trümmern des Barbarossapalastes, sah mit neuem v Entzücken in Cassel die herrlichen Van Dyks und Rembrandts, so wie eine sehr hübsch arrangirte kulturgeschichtliche Ausstellung in kleinen stilvoll eingerichteten und dazu hergestellten Zimmern von denen jedes eine gewisse Zeit darstellte und war schließlich zur Ablagerung aller Grüße und Berichte || noch einen Tag in Bremen, worauf ich in der alten Heimat Alles und Jedes in bester Ordnung wieder vorfand. –

Ich werde jetzt ruhig hier bleiben und nachdem ich meinen hochangehäuften Berg von Briefschulden abgetragen habe, mich meinem Buche „Heimat und Wanderschaft, ein Leben in Bildern“ – widmen das mir und hoffentlich später auch Andern Freude w und Genuß bereiten soll. Auch denke ich nächsten Winter wieder Manches zu zeichnen und zu malen.

Bist auch Du nach den Ferien wieder ins alte liebe Jena x eingerückt erzähle mir doch ja in einem netten Briefe was Du erlebt und wo Du y gewesen bist. ||

Vor Allem aber nochmals meinen wärmsten Herzensdank Euch Allen für die köstlichen Tage und Gruß und Händedruck denen die sie z bereiteten

Deinem vielgetreuen

H. Allmers

a gestr.: Au; b gestr.: er; c eingef.: ersten; d korr. aus: geführte; e eingef.: und geben; f eingef.: an; g gestr.: vergelten und; h gestr.: darauf; i gestr.: Du welches; eingef.: trotzdem es; j gestr.: wenn; k gestr.: alle; eingef.: jeden; l gestr.: Sch; m gestr.: zu können; n gestr.: f; o gestr.: hat; p gestr.: d; q gestr.: d; r gestr.: erfr; s gestr.: Freund; t gestr.: kirchlichen; u gestr.: kaufte; eingef.: weilte; v gestr.: Freude; w gestr.: b; x gestr.: zu; y gestr.: gele; z gestr.: mir

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-08-1884
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8687
ID
8687