Allmers, Hermann

Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 6. Juni 1882

Rechtenfleth

6.Juni 82.

Mein lieber Häckel.

In verschwenderischer Fülle bereiten mir Deine lieben herrlichen Briefe eine Freude über die andere; die geschriebenen durch ihre Herzensinnigkeit und Liebe, die jede Zeile durchströmen, die gedruckten durch ihre Schönheit und Klarheit und Lebendigkeit der Darstellung, vom ersten bis zum Letzten, den ich vor einigen Tagen erhalten und eben meinem Romberg zusandte, welchem sie mit gleicher Freude die Bilder seiner indischen Tage vor die Seele zurück führen. Wie fühle ich Dir Alles nach, wie schaue ich Alles mit – Dein Aufgehn in unaussprechlicher Seeligkeit, a als das Wunderland vor Dir lag, Dein Schwelgen in || Himmelsglanz und Erdenpracht.

Auch Romberg ist mit mir der Ansicht daß Du in dieser Gattung nie Schöneres geschrieben hast. – Und noch einen Vorzug haben diese b vor Deinen früheren Reisebriefen, daß sie nicht in Einem fort aufs Einseitigste die Natur und Gegend behandeln, (was wirklich zuweilen etwas ermüdend wirkte) sondern daß Du jetzt c auf intressante und belehrende Weise auch dem Leben und Treiben der Menschen ihr Recht wiederfahren läßest.

Fährst Du so fort dann wird Dein Reisewerk Ceylon ein Glück machen und ein Entzücken bereiten von dem Du selbst noch keine Ahnung hast. Aus freudigstem Herzen ruf ich Dir ein Glück auf dafür zu. – Was nun die Verlegerfrage betrifft so bin und bleib ich dabei daß Spemann in Stuttgart der feinste nobelste und liebenswürdigste ist von Allen die || was durchaus nicht nur meine Privatansicht ist sondern eine in der ganzen betroffenen Künstler- und Schriftstellerwelt verbreitete. Und, was ich ihm hoch anrechne er ist ein ausgesprochner Feind aller unwürdigen Reclame, die d leider in unsrer Zeit oft fast nothwendig geworden. Denn, „wo Alle laut trompeten hört man kein bescheidnes Flöten“. –

Im Juliheft seiner Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“ erscheint meine Novelle Harro Harresen deren Entstehung ich einem Gespräch mit Dir verdanke, das wir e in heißer Mittagsglut unter einer Carube liegend bei Syrakus führten.

Sobald sie heraus ist sende ich sie Dir, falls ich sie nicht bringen kann, was doch sehr zweifelhaft istf so sehr ich mich danach sehne Dich zu sehen und Deine indischen Schätze. Aus meiner Frühlingsreise nach Tyrol ist leider Nichts geworden. Ich hatte eine wahrhaft berauschende Einladung dahin. Wochenlang sollt ich als Gast einer schönen geistvollen Frau und Mitgast || meiner nicht minder liebenswürdigen und geistvollen Cousine Baronin von Gagern auf der Burg Matzen bei Brixlegg wohnen, eine der schönsten und architectonisch intressantesten und malerischen Burgen Tyrols und ganz im alten Stile wieder hergestellt und ausgestattet von der Besitzerin. Welch ein Stück Leben wäre das gewesen, welch ein Wonnetrunk aus dem Becher des Daseins! Denn mußt Du wissen: Dora von Gagern ist zugleich für mich das Liebste und herrlichste Weib auf Erden. Und dennoch sollte es nicht sein, denn meine Pflicht legte ihr strenges Veto ein. Ein nahezu 88jähriger g alter lieber Onkel h der einzige hiesige Verwandte und fast taubi würde einsam unter fremden Menschen leben oder sterben müßen, weil seine Nichte, die ihn pflegt, auf Monate zu den Ihrigen in Ostpreußen gereist ist. So bleibe ich in seiner Nähe bis zu ihrer Rückkehr. Klopfe ich dennoch plötzlich an Deine Thür mag unsre Freude um so größer sein. –

Herzlichsten Gruß Deinem ganzen Hause

Dein treuer

H. Allmers

a gestr.: Dein; b gestr.: ge; c gestr.: auch; d gestr.: sich; e gestr.: Beiden; f gestr.: wird; eingef.: ist; g gestr.: Ae; h gestr.: die; i eingef.. und fast taub

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-06-1882
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 8681
ID
8681