Rechtenfleth
20 Octbr 79
Herzlieber Häckel
Sei nicht unwillig daß ich Deine lieben u freundlichen Zeilen so spät erwiedere. Erst eine Woche ist verfloßen seit icha wieder b in meine stille Marschenheimat eingerückt bin deren Sturmgebraus, Wolkenzug u Regenschauer mich mitc doppelter Wehmuthd empfinden lassen welch ein schönes sonniges reicherfülltes Stück Leben jetzt wieder hinter mir liegt. Ja mein Junge, Natur u Menschengemüth gingen wetteifernd Hand in Hand um mir in dene herrlichen 7 Wochen dieses Ausflugs in Schwaben, am blauen Bodensee, in den Algäuer Alpen u endlich in München einen Tag fast immer schöner u reicher u f herzerquickender || und geistanregender zu machen als seinen Vorgänger, daß ich dem übergütigen Geschick ein flehentliches „Halt ein“ zurufen mögen auf daß der Abstand u Gegensatz mit denen die g mir Spätherbst u Winter in meiner Weltabgeschiedenheit bringen nicht allzu groß u niederdrückend sein werde. – Der Höhepunct des ganzen Ausflugs war natürlich München u der Colonna Congress der höchst gelungen ausfiel, daß ich ewig die Stunde segne, die mir den Gedanken eingab ihn zu berufen. Achtzehn Mitgl. waren gekommen Archäologen, Philologen u Historiker herrschten vor, Professor hieß der Dritte Mann aber dennoch glaube ich kaum daß Du Einen davon gekannt hättest.
Geist u Herz, Ernst u Scherz erfüllte in h anregendem Wechsel die beiden Tage aufs Herzerquickendste u am letzten i Abende des trauten Beisammenseins stieg die Begeisterung ud Innigkeit zu einer Höhe daß || ich diese Stunden geradezu j die schönsten nennek die mir seit Jahren zu Theil wurden. Anstatt jeder weiteren Schilderung wozu doch l Zeit u Raum fehlt lege ich ein paar m gedruckte Documente des Congresses bei in denenn aufs Getreueste die ganze Stimmung o wiederklingt. Daß mein Lied mit Jubel gesungen wurde kannst Du denken. – Wenn Du indeß auch nicht mit den Mitgl. bekannt warst, ich weiß sicher inp diesem vielseitigen, geistig angeregten u durch die wieder aufgefrischten gemeinsamen Erinnerungen mächtig gehobenen Kreise würdest Du Dich bald unendlich wohl gefühlt haben.
Die Ausstellung erdrückte durch Massenhaftigkeit q . Mich intressirte r es vor Allem die Leistungen, Richtungen u Ideale der verschiedenen Nationen mit einander zu vergleichen u mich freute daß wir vor den Franzosen (wenigstens s bei diesem Wettkampf) die Segel ganz u gar nicht zu streichen brauchten, ja kaum in der Technik waren sie unserert Meister. ||
Aber welch einen Gegensatz bot diese Ausstellung zu der welche vor 20 Jahren u diesen Glaspalast erfüllte, die ich auf meiner Romfahrt sah. Mit wenigen Worten läßt sichs, wenigstens von uns Deutschen sagen: Damals wollte man Großes u konnte Kleines und jetzt – ists gerade umgekehrt.
Ja mit der idealen u namentlich mit der historischen Auffassung steht es geradezu sehr erbärmlich. Nur das Reale, vor Allem Portrait u die Landschaft – daran kann man seine wahre Freude haben. –
Genug jetzt. Hoffentlich wird die Reise fruchtbringend sein. Ein Erlebniß brachte schon ein Ergebniß. Mein Aufenthalt im Algäu beschloß ein Ereigniß das mich tief erschütterte, der jähe Tod eines mir lieb gewordnen jungen Senns der von der Adlerwand stürzte da er v Edelweiß pflücken wollte um andern Tags da Abfahrt ins Thal war, seinem Liebchen u mir davon zu bringen. – Auf der Rückreise hat die Geschichte urplötzlich bei mir poetische Gestaltung gewonnen. Ich sende Dir das Gedicht sobald alle Zeilen endgültig festgestellt sind. –
Nun leb wohl u vor Allem wünsche ich daß Deine liebe Gattin doch jetzt ganz wieder hergestellt sind wird. Habt denn einen herzerfreuenden Winter u behaltet in herzlichem Andenken
Euren
H. Allmers
a gestr.: mich, eingef.: ich; b gestr.: die; c eingef.: mit; d gestr.: empf, eingef.: Wehmuth; e gestr.: diesen, eingef. den; f gestr.: herzer; g gestr.: die; h gestr.: die; i gestr.: Abd; j gestr.: als; k eingef.: nenne; l gestr.: Zeik; m gestr.: der; n gestr.: die Du, eingef.: in denen; o gestr. wiederspieg; p gestr.: zwischen, eingef.: in; q gestr.: doch; r gestr. der; s gestr.: auf; t eingef.: unser; u gestr.: die ich auf; v gestr.: um seine Heerde aus Gefahren zu xxx