Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 29. Juni 1879

Mein lieber Wandergenoß.

Neapel 29/6 59.

„Ich muß zuersta von einem lieben prächtigen Menschen erzählen, der seit Wochen mein täglicher, ja ich möchte sagen mein stündlicher Genosse ist bei all meinem Thun u Treiben, Schaffen u Genießen ud der mich wahrhaft glücklich macht. –

Es ist der junge Naturforscher Dr. E. Häckel aus Berlin, der schon seit dem Februar hier sichb aufhält um Bau u Leben der niederen Seethiere zu studieren. Doch auch ein tüchtiger Botaniker ist er u hat sich in der letzten Zeit hier auch nur mit der lieben schönen Pflanzenwelt beschäftigt u mich von Neuem aufs Mächtigste dafür angeregt. Eine glückselige überreiche Woche, die wir zusammen auf der Insel Ischia verlebten brachte uns einander nahe mit Herz u Hand. Und seitdem sind wir vereint Tag u Nacht, wohnen Zimmer an Zimmer u lassen gar die trennende Zwischenthür stets offen. Wir baden, essen zeichnen, wandern zusammen und nur im kunstgeschichtlichen Theil meines Strebens gehen unsere Interessen auseinander, obwohl ihm nicht ganz der Sinn dafür fehlt, ja sein Schönheitsgefühl ist sogar wunderbar fein.

Aber welch lieber frischer fröhlicher Gesell er ist, || wie grundbrav, wie wahr ud offen, wie warmherzig u freisinnig in edelster Weise er ist – ich kanns Euch gar nicht beschreiben. An Reinheit des Gemüths ein Kind, an Kraft u Willen ein gereifter Mann. Und mit seinem reichen Wissen verbindet er eine Bescheidenheit u Anspruchlosigkeit, die Manchen der ihn nicht tiefer kennt fast stutzig machen könnte; O der hat sicher noch eine herrliche Zukunft. Doch Ihr sollt ihn selbst c kennen u schätzen lernen, denn daß es mit den neapolitanischen Tagen nicht zwischen uns Beiden vorbei ist ja daß er mir auch einmal nach Rechtenfleth muß könnt Ihr doch denken. –

Die sieben Tage auf der merkwürdigen, wundervollen u doch von den Touristen noch wenig besuchten Insel, die mich mit ihm so nahe brachten gehören denn auch zu den reichsten und glückseligsten meines Lebens. – Schon die Nachtfahrt dahin mit einer rückkehrenden d ischianischen Fruchtbarke wird mir unvergeßlich sein. – Droben der ruhige Glanz des Vollmondes aus tiefklarer Bläue, zur Rechten das tausendfache Lichtergeflimmer des großen Neapels, zur Linken des Vesuvs düsterrothe Lavagluth u rings um uns der wundersamste e Phosvorschein der stillen spiegelglatten Meerfluth – genug Alles vereinte sich um eine wahre Zauberfahrt daraus zu machen . – Wir aber lagen dicht neben einander in trauten Gesprächen || wir redeten von Heimath u Vaterland, von vergangenen u künftigen Tagen, von Allem was uns lieb u theuer u heilig war u mit jedem Worte erschlossen sich mehr u mehr unsre Herzen. – Und dennoch sollte diese Zauberf Nacht nur das schöne Vorspiel eines noch viel schöneren Märchens g voll Farbenpracht u Sonnengold sein, das mit dem nächsten h Morgen anhub. Aber ich müßt gar viele Bogen füllen wollte ich von all den hochintressanten u glückerfüllten Stunden erzählen in denen wir nun eine volle Woche hindurch schwelgen durften. –

(Folgt jetzt eine kurze Beschreibung Ischias danni heißt es weiter:

Von früh bis spät haben wir jeden Tag benutzt die ganze Insel zu durchwandern. Auch den Epomeo bestiegen wir ud ruhten droben u schauten ringsum auf die schöne Welt stundenlang, ja vom Fuße des Berges sind wir einmal sogar fast bis ans Herz eingedrungen. Eine j Kluft oder besser gesagt Spalte war es die in der Tiefe so eng wurde, daß kaum ein paar Fuß Raum war. Ein 30° Reaumur warmer Bach strömte schlammerfüllt daraus hervor. Wir mußten die Kleider ablegen und in der warmen Fluth vordringen denn dies Ufers steile Tuffwände boten keinen Fuß breit Raum zum Gehn. Dämmrig ud dampfend || wars ringsum u von oben herunter quoll in dieser tropisch feuchten Atmosphäre eine Vegetation von deren Pracht u Fülle wirk keine Ahnung hatten. Da breitete sich z.B. die seltene Woodwardia, Einerl der schönsten Farne, die ich wild gesehen ihre langen Prachtwedel ud andre nie geschaute Pflanzenformen erblickten wir vom glanzvollen Himmel durchleuchtet hoch über uns wuchern oder tief auf uns niederhängen. Und zwischen demm neuen auch alte Bekannte, aber hier zu neuer nie gesehener Größe entfaltet.

Ein ander Mal besuchten wir eine Gruppe Fumarolen die eine nassen Wiese bis zu 40° R erhitzt hatten. Hier nun wachsen die merkwürdigen Thermalpflanzen, meistens Scirpusarten, Farne u einige Moose, die zum Theil nur auf Ischia ihre Heimath haben. In einem Aufsatze von Schoun hatte ich bereits zu Hause davon gelesen ud war namenlos begierig sie kennen zu lernen. Und – wir fanden sie fast Alle. Das war eine Freude! Wir sprangen, wir tanzten u jubelten auf dem heißen qualmenden Boden wie die Kinder. Tiefe einsame Abgeschlossenheit u Stille ringsum, der spärliche Trümmerrest eines kleinen vielleichto antiken Bades daneben, kein lebend Wesen weit u breit. Da wirkte denn dies Weltentlegene Wundersame der ganzen Umgebung so unsäglich mächtig auf unsere Seele, daß nun auch die allerletzte Schranke von Form u Etikette zwischen uns zusammen schmolz u sank u wohl selten ist auf so seltsamem Boden u in solcher Umgebung ein sop glück u seligkeitumwogtes Schmollis getrunken wie von uns Beiden glückberauschten. Wir konntens mit köstlichq dunkelrothem Wein den unsre Korbflaschen bargen.“ –

Genug denn für jetzt davon. Ich || habe Dir lieber theuerer Wandergenoße vom schönen Jahre 1859 einen kleinen Jubiläumsspaß bereiten wollen, indem ich die vorstehenden vor 2 Decennien geschriebenen Zeilen einem meiner Briefe entnahm, den ich r von Sta Lucia Nr 31 nach Haus sandte und jetzt selbst wieder mit namenloser Wonne durchlese. Führen sie mich doch aus einer höchst unerquicklichen Gegenwart in eine Vergangenheit, die ich wie ein Stück vom verlorenen Paradiese betrachte. s Ich weiß, auch Dein Herz wird sich wieder daran erfreuen u erhellen. Du freilich hast seitdem ganz andere u ungleich großartigere Reiseeindrücke gehabt. –

Zürne mir nicht, daß ich noch nicht einmal für die Sendung des II Heftes Deiner Vorträge gedankt habe. Sie wandern von Hand zu Hand ud erfüllen auf schöne Weise ihre Aufgabe. –

Von mir ist nicht Viel zu berichten, vor Allem nicht Viel Besonderes u Erfreuendes. Der diesjährige Frühling t gehört zu den aller ödesten unfruchtbarsten, widerwärtigsten || meines Lebens und brachte, abgesehen von seinem Wolkengrau, rauhen Nord u eisigen Ostwinden mir eine Fülle von Unannehmlichkeiten, u Täuschungen, daß ich vor tiefen Mißmuth alle Lust am Schaffen, wie am Genießen verlor. So ist denn seit Monaten äußerst Wenig u kaum Nennenswerthes entstanden. –

Wie glücklich bist Du dagegen zu preisen in der reichen Fülle solcher Resultate u Erfolge wie Du Dich u deren in Einern fort erfreuen darfst. Eine solche Entfaltung ud Bedeutsamkeit hast Du in v unsern Tagen am blauen Golf von Neapel wohl [nicht] im Entferntesten zu ahnen gewagt aber auch Keinen giebt es auf Erden der glücklicher darüber u stolzer auf Dich wäre als Dein Mitgenoß jener schönheit u glückerfüllten Tage. –

Was für Ferienpläne hast Du? – Wohin werden sie Dich führen? –

Ich denke ruhig bis zur letzten Woche des August zu Hause zu bleiben, dann liebe Menschen in Stuttgart besuchen dann in den Schwarzwald, zum Bodensee für || den ich eine besondere Liebhaberei hege, dann einige Tage in Vorarlberg u endlich durchs Allgäu nach München wo ich etwas ganz Besonderes ins Werk gerichtet habe. Du weißt doch daß dort die internationale Kunstausstellung ist. Diese habe ich in Verbindung meiner 3w römischen Mitschlenderer (Professor A. Michaelis – Strassburg, Gymnasialdirector Prof. Detlefsen in Glückstadt u dem Maler C. Willich in München) einen x großen Colonnacongress für den 29 u 30 Spt. dahin auszuschreiben, der uns ein paar so famose, ja hochherrliche Tage in unser Leben einflechten soll, daß wir sichery noch lange mit Wonne an ihren Erinnerungen zehren können. Die von Willich gezeichnete Einladungskarte so wie das Programm (beginnend mit feierlichem Hochamt in der Michaelskirche, schließend mit einer Festfahrt z über den Starnberger See aa nach der Rottmannshöhe) sind fertig u gehen schon nächste Woche bb von Rechtenfleth aus in alle Welt u wohin schon die Kunde drang antwortet freudig zustimmender Wiederhall. Du kannst || denken, wie sehrcc mich die Angelegenheit beschäftigt u erfüllt.

Unsere Colonna bestand vor Allem aus Archäologen, Philologen udKünstlern daher war keine dd andere Zeit gegeben u geeignet wie die Michaeliswoche weil in ihr die Ferien der Universitäten mit denen der Gymnasien zusammenfallen. Nur ein Abendsymposion wird streng exclusiv gehalten sonst ist jeder nette u wackre Kerl uns willkommen wenn er einmal aus deree Treviquelle getrunken, Romas Weihe empfangenff hat. Glücklich würde michs machen auch Dich begrüßen zu können. –

Und so leb wohl herzlieber Genoß. Gruß Deinem lieben Hause u erhalte mir fort u fort Deine Liebe.

Also auf Wiedersehen in München Dein treuer

H. Allmers

Rechtenfleth

d. 29tn Juni 79.

Daß Dein braver Khedive Dir hinfort keinen Dampfer mehrgg zur Verfügung stellen darf veranlaßt mich hiemit Dir mein tiefstes Bedauern auszudrücken. –hh

a gestr.: Und nun laßt mich von, eingef.: Ich muß zuerst; b eingef.: sich, gestr.: lebt; c gestr.: schä; d gestr.: ich; e gestr.: Ischiasge; f eingef.: Zauber; g gestr.: jener; h gestr.: Tag; i gestr.: danach, eingef.: dann; j gestr.: sch; k gestr.: Ihr, eingef.: wir; l korr. aus: eines; m eingef.: dem; n korr. aus: einen nassen; o eingef.: vielleicht; p eingef.: so; q gestr.: gar feurigem, eingef.: köstlich; r gestr.: von aus unsrer; s gestr.: und; t gestr.: brachte; u gestr.: nun; v gestr.: den; w eingef.: 3 [korr. aus 4]; x gestr.: xxx; y eingef.: sicher; z gestr.: auf; aa gestr.: zur; bb gestr.: in alle Welt; cc gestr.: prächtig, eingef.: sehr; dd gestr.: Zeit; ee gestr.: der Terv, eingef.: aus der; ff gestr.: erhalten, eingef.: empfangen; gg eingef.: mehr; hh Nachschrift vertikal am linken Rand von S. 8 vermerkt

Brief Metadaten

ID
8676
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
29.06.1879
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
8
Umfang Blätter
4
Format
13,6 x 21,7 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8676
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 29.06.1879; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8676