Rechtenfleth
d. 24. Aug 77.
Herzlieber Häckel
Vor einigen Wochen hast Du mir, ohne es zu ahnen eine Freude bereitet, die noch heute mein ganzes Herz erfüllt u wofür ich Dir hiemit im Geiste kräftigen ud warmen Händedruck versetze. –
Romberg kam nach Rechtenfleth u brachte mir Deine prächtige Bachybiusvertheidigung, davon auch er ganz entzückt war. Der Aufsatz gehört sicher zum Allerbesten an Frische, Klarheit u Haltung, was Du je geschrieben und mich intressirte er, Deine lieben Herzensbriefe ausgenommen, mehr als irgend etwas aus Deiner Feder. – Nun bald vor einem Jahre kam ich nach Hamburg in die deutsche Naturforscherversammlung als dieselbe a durch das vor einigen Tagen stattgefundene Möbius’sche Spiritusexperiment noch so stark „erschüttert“ war daß man überall hörte wie gut es für Dich sei, daß Du anstatt in Hamburg || Jetzt in Glasgow seist, wo man noch an den Bathybius glaube. Ja, soll ich offen sein, so gern ich Dich b begrüßt hätte, ich selbst wurde etwas angesteckt von dieser Meinung. – Aber in München, das wird eine andre Stimmung sein. Da ist der rechte Boden u die rechte Luft für Dich und ein wahres Herzensgaudium muß es sein Dich dort zu hören mannhaft u begeistert kämpfend für Licht u Wahrheit und schmerzlich empfinde ich jenes Herzensgaudium nicht mithaben zu können. Ich stecke dies Jahr wie ich Dir schon geschrieben alle weiteren Reisen auf u spare jeden Groschen für meine c Römische Jubiläumsfeier d im nächsten Herbst wo ich vor 10 [!] Jahren zuerst die ewige Stadt betrat. – e Damit ich aber doch nicht so ganz u gar leer ausgehe so hab ich eine Bitte an Dich, die Du sicher gern erfüllen wirst. Besorge u sende mir doch den Abdruck der intressantesten Vorträge die in München losgelassen werden, vor Allen natürlich den des Deinen ud entnimm die Kosten der Einfachheit halber gleich pr Postvorschuß. – ||
Du wirst einmal so ihnenf nahe, auch nicht unterlassen können unsere lieben Alpen zu besuchen. Geh doch bis zum Gardasee u vollführe was wir einst gemeinsam wollten, die Besteigung des Monte Baldo, die namentlich von der Südseite aus unternommen ein ganz wunderbar großartiges Bild darbieten soll. Die merkwürdige ud reiche Flora des Berges wäre fürg Dich in früherer Jahreszeit, wie in früheren Jahren freilich von größerem Reiz gewesen. Daß Du von Riva aus den hochmalerischen Ponalefall besuchen wirst versteht sich von selbst, doch übersieh auch ja nicht den seltsamen Fall des Tarrone, h zu welchem man in einer tiefen engen ud dämmrigen Bergritze, die er selber glatt aus dem Gestein geschliffen hat hinandringen muß. Ich war schon fünfmal in Riva ehe ich von seinem i verborgnen Dasein Kunde bekam. Jetzt aber ist er schnell weltbekannt u gar ein Hauptziel der Touristen geworden.
Der Druck meiner „Gesammelten Dichtungen“ nahet sich j seinem Ende, so || daß ich Dir wohl im October ein Büchlein davon senden kann. Du wirst manch Neues darin finden. Daß Dir meine Plaidelegie so gefallen hat freut mich außerordentlich, aber ich dachte mir’s auch und bin daher auch gewiß k gleichfalls ganz in Deiner Gefühlsweise ist die sich daran schließende Dichtung „Wiederkehr“ gehalten, welche den inneren Jubel ausspricht der den Sohn des Nordens erfüllt wenn die Schönheitswelt des l Südens den von den Alpenhöhn herabsteigenden plötzlich von Neuem umfängt. Es gehört sicher zum Besten was ich geschaffen, ich wäre glücklich könnt ichs Dir selbst zuerst vorlesen.
Zu Anfang Septembers gehe ich auf einige Tage nach Bremen, wo Fitger wieder sehr Schönes vollendet haben soll. Du mußt den lieben edlen u geistvollen Kerl durchaus baldm kennen lernen. Wir wollen einmal sehen wies zu machen ist. –
Und so leb wohl mein Junge, habe schöne Ferien. Gruß Dir u den Deinen von Deinem treuen
H. Allmers.
a gestr.: noch; b gestr.: ge; c gestr.: Ro; d gestr.: nach; e gestr.: Nu; f eingef.: ihnen; g gestr.: hätte, eingef.: wäre für; h gestr.: der; i gestr.: Dasein; j gestr.: in nächster; k gestr.: Dir; l gestr.: italisch; m gestr.: doch, eingef.: durchaus bald