Rechtenfleth
d 17. Mai 77.
Herzlieber Haeckel.
Dein interessanter Brief aus dem glücklichen Phäakenlande hat mir große Freude bereitet und war von seltsamem Zufall begleitet. Nämlich esa trafen b unsere Gedanken völlig zusammen.
Erstens las ich gerade einen hübschen Artikel unsrer Weserzeitung aus und über Corfu als Dein Brief ankam und die Treue seiner Schilderung bestätigte. – Zweitens, ich hatte gerade in der Zeit den festen Vorsatz gefaßt den Winter 1878-79 || an Ort u Stelle nach zwanzig Jahren zur Feier der schönen alten eine Reihe neuer römischer Schlendertage zu verleben und siehe – auch darin kommst Du mir entgegen u Du glaubst nicht wie glücklich michs machte. Das giebt dann vielleicht zum alten Buche einen hübschen Anhang „Nach zwanzig Jahren“ oder „Aus dem königlichen Rom“ im Gegensatz zu den Schilderungen aus dem päpstlichen. –
Was ich in diesem Sommer beginne ist mir selbst noch unklar. Daß, unter meinen Plänen ein Wiedersehn mit Dir ist – versichre ich Dir. Nur sind erst noch allerlei erschwerendec Umstände, || deren nähere Auseinandersetzung langweilig ist, aus dem Wege zu räumen.
Du bist doch sicherlich auch nach Olympia gegangen? d Du warst so nahe, daß ich sehr böse werde, wenn Du’s unterließest. –
Im Laufe des nächsten Herbstes erscheinen e reizend ausgestattet meine Gesammelten Dichtungen, darunter noch Manches sein wird, was Du f noch nicht kennst, da es theils noch
ungedruckt, theils zerstreut in Zeitschriften enthalten war. Natürlich kommt auch die böse „Weihe“ mit hinein. Das letzte Gedicht entstand erst vor einigen Tagen und ist noch g zu durchfeilen aber ich kanns mir dennoch nicht versagen Dir schon jetzt || einen kleinen Spaß damit zu machen, da ich ja weiß wie sehr es in Deinem Sinne gehalten ist. Es ist ein wehmüthiges Scheidelied an – mein altes Reiseplaid, dasselbe das auch Du kennst. –
Mach mir die Freude, wenn auch nur ein paar Worte mir umgehends zu schreiben ob es Dich angesprochen hat, vor Allem – obs nicht zu lang ist, was ich fürchte. –
Vor Allem habe ein schönes frohes Pfingstfest.
Mit Herz u Hand in Liebe u bestem Gruß an die Deinen
Dein treuer
H. Allmers. ||
An mein altes Reiseplaid.
Daß Du dahin bist, altes treues Plaid,
Ich kann nicht sagen, wie’s mir nahe geht.
Warst meiner schönsten Wanderzeit Genoß,
Da Dein Geweb so freundlich mich umfloß.
Ich wandt‘ in jeder Lage mich an dich,
Du ließest nie und nimmer mich im Stich.
Umschauerte der Nord mich eisig kalt,
Als guter Mantel wärmtest Du mich bald.
Lag Mittagsgluth auf schattenlosem Feld,
Du breitetest dich über mir als Zelt.
Und wollt ich ruhn, wo rings der Boden naß,
Als Teppich decktest Du das feuchte Gras.
Erschreckte mich ein klapperdürres Thier,
Du wurdest zum bequemen Sattel mir.
Sehnt ich in Dritter Classe mich nach Ruh,
Sogleich zum weichen Kißen wurdest du.
Schien früh ins Kämmerlein der Tag zu grell
Als Vorhang decktest du das Fenster schnell. ||
Ja, wenns im fremdem Bett gefährlich war,
Zum Panzer wardst du jeglicher Gefahr.
Du warst sogar, gabs lustge Mummerei,
Als Toga oder Kutte, stets dabei.
h In jeder Lage wandt ich mich an Dich,
Hab Dank, du ließest nimmer mich im Stich.
Mit jedem Flecken drum in jedem Loch
Von Jahr zu Jahr wardst du mir theurer doch.
Indessen Nicht’s auf Erden ewig währt
Durchscheinend wardst auch du – fast schon verklärt.
So löse in Atome still dich auf
Das ist einmal der ird’schen Dinge Lauf.
Du weißt daß auch das Schönste enden muß
Du sahst ja Pästum, sahst ja Syrakus –
Doch mehr als Jener Loos mir nahe geht,
Daß du dahin bist altes treues Plaid.
15 Mai 1877. H. A.
a gestr.: Zweimal; b gestr.: sich; c eingef.: erschwerende; d gestr.: Ich; e gestr.: meine; f gestr.: nicht; g gestr.: du; h gestr.: In