Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 13. Februar 1877

Rechtenfleth

d 13 Fbr. 77.

Mein herzlieber Haeckel.

Wie lange ich schon mit a einem heimlich pochenden u nagenden Schuldbewußtsein umher schleiche weiß ich selbst nicht anzugeben nun aber da Du b in Deiner namenlosen Liebenswürdigkeit fortfährst glühende Kohlen auf mein Haupt zu sammeln und Deine freundliche Überraschung durch „Die Schweine“ c mit Rührung, wie mit Scham meine Seele zu füllen so ist denn das Maß voll. Eine Todsünde wär’s gehörte mein erster Brief jetzt nicht Dir. –

Und so nimm denn zuerst innigsten Dank für Deine interessante Gabe die gerade zu meinem Geburtstag eintraf, denn interessant ist sie durch u durch so seltsam d das Gedicht sonst auch sein mag || dessen Verfasser jedenfalls ein höchst geistreicher Mensch sein muß. Gestern Abend bis Mitternacht habe ich mich darein versenkt u will es in diesen Tagen Fitger u Romberg mittheilen denen Αlles Freude macht, was von Dir kommt. Zudem bin ich gespannt auf deren Urtheil, denn daß es mich in rein ästhetischer Beziehung befriedigt hat könnte ich nicht sagen. Sein Schwerpunkt liegt jedenfalls in der reichen Phantasie, in der lebendig anschaulichen Darstellung und in der Gedankentiefe. Ich bilde mir fest ein, daß der Dichter zu Deinen Füßen gesessen u wäre Dir dankbar für einen kleinen Commentar dazu der mir sagte ob meine Vermuthung richtig ist. –

Aber bist Du mit Fitgers Dichtung für das Darwin Album zufrieden? || Ich finde es tief, edel u klar – nur hätte ichs gern kürzer, denn dadurch würde seine Wirksamkeit ganz außerordentlich gesteigert. Du kennst doch Goethes unvergleichlich schlagendes Distochon „Die drei Alter der Natur“?

Leben gab ihr die Fabel, die Kirche* hat sie entseelet,

Schaffendes Leben aufs Neu, giebt die Vernunft ihr zurück.

Das wär das rechte Motto gewesen, sagt es doch ganz Dasselbe was Fitgers Dichtung, freilich im herrlichsten Wortlaut, ausspricht. –

Auch ich habe vor einigen Tagen ein Werk vollendet dessen erster Keim in einem Gespräche steckt e das ich einst mit Dir im Schatten einer alten Carube liegend führte, nämlich am 6 October 59 zu Tremiglie bei Syrakus. Eine Novelle ists u bestimmt für die Gartenlaube, betitelt „Harro. Eine Marschen- und Alpengeschichte.“ Der Stoff, den ich erfand, ist ein sof herrlicher, ethisch bedeutsamer u g ergreifend tragischer, daß ich ihn wohl von einem Fähigeren u Würdigern behandelt sehn möchte. Nach dem Abdruck im Blatte hoffe ich sie dann als selbstständig Büchlein erscheinen h lassen zu können.

Eine rechte Freude und Überraschung i || gewährte mir in voriger Woche die Übersendung eines Buches aus Verona. Hundert j Lieder deutscher Dichter übersetzt vom Grafen Cipolla ud darunter nicht weniger als zwölf der meinen. Ich kann Dir garnicht beschreiben wie glücklich michs machte. Du Weltbekannter u Zehnfach-Übersetzter freilich wirst darüber lächeln. –

Sonst weiß ich Dir von hier nichts Interessantes mitzutheilen. Auch der vorige Sommer u Herbst ist ohne bedeutende Ereignisse hingegangen. Ich war ein paar schöne Wochen im k Harz dessen Berge Thäler Wälder u ehrwürdigen Städte mit ihren vielen Denkmalen des frühen Mittelalters ich seit langen Jahren nicht sah und nun mit neuer Frische u Freude betrat. – Dann saß ich tagelang auf der Insel Norderney zwischen Wogen u Dünen zu den Füßen einer edlen geistvollen Frau und reiste dann nach Hamburg zur Naturforscherversammlung.

Dich suchte, Virchow fand ich. Ich hörte (ich weiß nicht wo Du seist da u nachher wieder hörte ich, nur durchgereist seist Du, quer durch den naturforschenden Schwarm u ohne Aufenthalt nach England u Schottland. Was ist wahr davon? – Virchow l angeregt durch mein Marschenbuch wollte mich gar in Rechtenfleth besuchen u ich sollte dann mit ihm weiter nordwärts auf Friesenschädel reisen. Er ist indeß nicht gekommen. –

Pläne für den nächsten Sommer habe ich noch keine entworfen, denke aber m ernstlich daran übers Jahr also nach 20 Jahren den schönen Süden (Italien und Griechenland) wieder zu schauen, denn trotz meiner 56 Jahre ist mein Herz noch gar frisch u fröhlich, Ja könnt vor Jugendlust schier hinten u vorn ausschlagen wie ein muthig Rößlein. –

Und so leb wohl Du lieber wackrer treuer Freund u tapferer Kämpe, grüße mir die Deinen und behalt ferner lieb

Deinen treuen

Armin.

(* eigentlich heißt es: „die Schule“ doch „die Kirche“ zu sagen wäre besser gewesen

a gestr.: dem; b gestr.: glühen; c gestr.: mich; d gestr.: sie; e gestr.: daß; f gestr.: ganz, eingef.: so; g gestr.: tief; h gestr.: zu; i gestr.: hatte; j gestr.: deutsche; k gestr.: alten; l gestr.: der; m gestr.: daran

Brief Metadaten

ID
8668
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
13.02.1877
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
14,2 x 21,9 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8668
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 13.02.1877; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8668