Rechtenfleth d 2 Januar 76
Mein lieber Haeckel
In der Freude über Deine farbenleuchtende Weihnachtsgabe war ich so tief zu den Schätzen u Wundern des orientalischen Meeres hinab getaucht daß ich in meinem Briefe ganz und gar vergaß auch der a orientalischen Dichtungen zu gedenken wie Du es wünschtest und wills denn jetzt nebst der Rücksendung derselben hiemit nachholen. Um völlig in meinem Urtheil sicher zu sein nahm ich die Blätter eine Woche vor Weihnachten mit nach Bremen, daß auch Fitger u Romberg, die beide auch dafür || mit einem äußerst gesunden und feinen Gefühl u Blick begabt sind, sie kennen lernten. Unser Urtheil darüber war völlig übereinstimmend und – vom Druck derselben abrathend. Die Gedichte sind in der spielend b orientalischen Form nicht gerade mißlungen zu nennen, weit entfernt aber von den vollendeten c morgenländischen Nachbildungen d welche unsere Literatur bereits in den Makamen, Ghaselen, Vierzeilern usw. eines Daumer, Bodenstedt Platen u vor Allem eines Rückert und ebenso diesem nachstehend an Origininalität, Tiefe ud Reichthum des Gedankeninhalts wie an Neuheit des Ausdruck. Sie sind, so leid mir’s thut, daß ich e über die Producte eines sonst so liebenswürdigen Mannes (nach Deinen Mittheilungen) ein so hartes Verdict sprechen muß || nichts als mäßiges Mittelgut welches in den vierziger f ud fünfziger Jahren, als Daumers Hafis u Bodenstedts Mirza Schaffy g das Interesse für orientalische Formen wieder etwas anfachten – immerhin seinen Leserkreis gefunden haben würdeh – heutigen Tages aber – falls i ein Verleger zur Veröffentlichung bereit wäre – sicherlich gänzlich ohne Beifall u Wirkung blieben. – Es sollte mich freuen, wenn wir Unrecht hätten.
In Deiner Stelle würde ich j um ihm nicht allzu weh zu thun ihm hauptsächlich deshalb von der Herausgabe abrathen, weil gegenwärtig gerade orientalischen Sachen ganz und gar nicht zögen (was ja auch jeder Buchhändler Dir bestätigen wird). Somit räthest Du vorläufig damit noch zu warten. – ||
Ich kann mir lebhaft denken, wie gern Du Deinem k wackeren Wirthe Etwas Andres schriebest aber – es ist eben nicht Anders und meine Offenheit wirst wenigstens Du nicht übel nehmen. –
Nun so lebe wohl u behalt lieb
Deinen getreuen
H. Allmers.
a gestr.: anderen; b gestr.: orient; c gestr.: N; d gestr.: u; e gestr.: so; f gestr.: Jahre; g gestr.: erschien; h korr. aus: würden; i gestr: sich; j gestr.: es ihm; k gestr.: xxx Gast