Rechtenfleth
d 5. Nov. 75 .
Mein herzlieber Haeckel.
Erst vor wenigen Tagen war ich von einer schönen reicherfüllten Reise ausa Deutschlands Süden und Italiens Norden wieder in meine stille Marschenheimat eingerückt als Deine
wundervolle Schilderung Eurerb Olympbesteigung eintraf, die mich wahrhaft hingerissen hat und die ich, in Bezug auf Schönheit und Klarheit des Stils, Anschaulichkeit und Lebendigkeit
der Darstellung unbedingt als das Beste und feinste ansehe, was je aus Deiner Feder geflossen ist.
Bergbesteigungen machen sich gelesen meistens langweilig, weil sie selten ein klares Bild
geben – bei Deiner olympischen aber wird man gefesselt und mit hinaufgezogen bis zur höchsten, leiderc jetzt abgeschlagenen, Spitze, und Du hast mir eine Freude und einen Genuß || damit bereitet, d größer e als Du ahnen magst. Vielen herzlichen Dank denn dafür, mein alter Junge. –
Nach 3 herzerquickenden Tagen mit Otto Knille in Bad Liebenstein auf der Villa seines Schwiegervaters u 3 andern im alten Nürnberg eilte ich Anfang Septembersf der Donau zu, wo mich namentlich Passau durch seine unvergleichlich malerische Lage u Umgebung fesselte. Leider ward mein Ausflug in den Stifterschen „Hochwald“ durch Regen zu Wasser u ich schwamm darauf g stromabwärts nach Wien. Kennst Du diese Donaustrecke? Mit ihren hohen Waldbergen, einsamen Burgtrümmern u spärlichem Verkehr ist sie ungleich ernster öder aber auch ungleich großartiger als der Rhein. Drei ganze hochintressante Wochen war ich dann in Wien ud hatte im schönen palaisartigen Hause meines Vetters Max v. Gagern ein unendlich trautes ud erquickendes Daheim in welchem ich mit lieben edlen Menschen meines Herzens ureigenste Sprache reden u wohin ich stets zurückkehren konnte, wenn ich des Gewühls u Getreibes der Großstadt, ihrer Genüsse ud Ergötzungen genug hatte. – Dann gings in die Alpenwelt, erst über den Semmering u auf der Rudolfsbahn westwärts durch Kärnthen. Ich dachte den || Großglockner u das Ampezzothal zu besuchen aber Nebel u Wolken umhüllten tagelang alle Berghäupter bis in die Thäler hinab. So machte ich rasch links um u eilte auf der Brennerbahn voll Sehnsucht wieder unsrem lieben Süden zu dessen Himmelsglanz u Erdenschönheit mich 14 unvergeßliche Tage in Einem fort umfangen hat. In Botzen kehrte ich wieder in das kleine nette Gasthaus „Zum schwarzen Adler“ ein, wo h einst so jäh unsere gemeinsame Reise zerstört wurde –
Und wieder saß ich auf Schloß Rungelstein,
In jenen alten bildervollen Räumen
Und trank dein Wohli in dunklem Landeswein,
und dacht vergangner Tage, dachte Dein,
Versunken ganz in süß wehmüthgen Träumen
Du siehst die Verse strömen mir so wie ich nur daran denke, so poesievoll war jene Stunde. Und dann gings nach meinem lieben alten herrlichen Verona das mir nun einmal wunderbar ans Herz gewachsen ist, daß ichs nimmer genug schauen kann, (jetzt nun schon zum sechsten Mal) aber nie so gründlich habe ich seine altenj Paläste kennen gelernt, seine Ecken u Winkel durchkrochen, Höfe u Hallen betrachtet u seine sehr unbekannten Bilderschätze genoßen als wie diesmal. ||
Drei sonnige Tage an u auf dem Gardasee endlich machten den glanzvollen Beschluß der Episode. Noch eine Nacht u einen Tag und ein naßkaltes markdurchschauerndes k Spätherbstwetter sagte mir in München daß ich wieder im Vaterlande sei, doch war der Kampf mit den Schwarzen, den ich hier in nächster Nähe hatte (die Adreßgeschichte) gar herzerfreuend. Ich verließ München nach 5-6 Tagen worauf mich in Stuttgart mildere Lüfte begrüßten ud liebe herrliche Menschen abermals einige Tage fesselten. Und nun gings fast ohne Aufenthalt der Heimath zu, nur daß ich in Cassel gerade so lange verweilen konnte als nöthig war um mich eben am Anblick der rothen Primanermütze l unseres künftigen deutschen Kaisers das Herz zu laben, m in Hannover um zu hören daß man aufn dem dortigen Hoftheater mit dem Einstudiren meiner Elektra beschäftigt sei u endlich in Bremen um bei Romberg u Fitger so vielo als möglich p vom Übermaße der Reiseeindrücke abzuladen. –
Du hast in Kürze eine Skizze diesesq reicherfüllten Stück Lebens. Mündlich könnte ich Dir nochr viel Ergötzliches du Reizendes davon mittheilen – im nächsten Jahre solls geschehen wenn’s das Schicksal will. –
Und so leb wohl, herzlieber Junge nochmals Dank Dir u Gruß u Händedruck von Deinem
treuen
Hermann.
a gestr.: nach, eingef.: aus; b eingef.: Eurer; c gestr.: Spitze, eingef.: leider; d gestr.: leider; e gestr.: ist; f eingef.: Anfang Septembers; g gestr.: die; h gestr.: wir; i gestr.: xxx vor mir, eingef.: trank Dein Wohl im; j gestr.: alten; k gestr.: Her; l gestr.: des; m gestr.: u; n gestr.: mit, eingef.: auf; o gestr.: viel; p gestr.: etwas xxx; q gestr. meines, eingef.: dieses; r eingef.: noch