Rechtenfleth
d December 74.
Wie ich versprach, mein lieber Häckel, sende ich Dir, als kaum nennenswerthe Gegengabe gegen die tiefen u herrlichen Werke mit denen Du mich in so verschwenderischer Weise beschenktest, mein nun durchgearbeitetes Marschenbuch. Bei der unendlichen Fülle Deiner Liebenswürdigkeit wirst Du a diese b bescheidenen Schilderungen aus meiner stillen grünen Heimath am Weserstrande nicht verschmähen, weil sie ja aus reinem Herzen stammen, dem Du so theuer bist wie nur irgend ein Menschenkind auf Erden.
Um indeß den Werth meiner Sendung so viel ich kann in ihrer Art zu erhöhen lege [ich] || diec schon in meinen vorigen Briefen erwähnten jüngst erschienenen Dichtungen meines lieben reichbegabten u genialen Freundes des Historienmalers Arthur Fitger aus Bremen bei. Ich bin sicher daß d die hochbedeutenden Sachen Dir Freude u innere Befriedigung gewähren werden und mit lebendigstem Interesse wirst Du wahrnehmen, wie sie ihrem Inhalte nach (namentlich die der ersten Abtheilung Credo) durchaus auf dem Standpuncte der neuen Weltanschauung stehen ja zum Theil Dir zunächste ihr Dasein zu verdanken haben; während sie der Form und Sprache nach sich dem Vollendetsten anreihen, was die deutsche Poesie seit langer Zeit hervorgebracht hat. Vor allem das große allwaltendef Gesetz vom Kampf ums Dasein ist es das den Dichter beschäftigt g und || erfüllt und das er zugleich als Träger der höchsten durch die ganze Natur ausgegoßnen Moral hinzustellen suchst ud diesem Gesetze ist ihm h auch der Gottesbegriff unterworfen.
Auch die anderen Abtheilungen i Via felice mit ihren römischen Eindrücken, Singen & Sagen voll köstlicher Balladen, sodann das reizende Gedicht von König Drosselbart und endlich die nur mit den Scheffelschen vergleichbaren Bummellieder – genug Alles das wird Dir sicherlich zur reichsten Quelle j seelenerquickenden Genusses werden. Nur mußt Du Alles k in rechter Stunde u Stimmung genießen ud auf rechte Weise z. B. das unvergleichliche Kometenepos mußt Du nicht lesen sondern || gleich nach den vorgeschriebenen Melodien vor Dich hin singen und Du lachst Dich schief. – Auch für Gegenbaur wäre das ein l Buch anm dem er Freude haben würde. –
Von mir kann ich Dir nicht Viel berichten. Im Spätherbste war mein Freund der Historienmaler v. Dörnberg ein paar Wochen bei mir der im ersten Wochenbette vor einem halben Jahr nun auch sein liebes Weib verloren hat. Er hat mich gemalt u das letzte meiner Wandbilder aus der Friesengeschichte entworfen; dann war ich acht Tage in Bremen bei Romberg ud hörte einen Vortrag über Afrikareisen von Deinem Freund Bastian ud habe seitdem mein winterliches Stillleben begonnen. Ein paar wirklich schöne und wirklich bedeutende Bücher habe ich jüngst gelesen die ich auch Dir für etwaige Muße zur Erfrischung empfehlen möchte. Paul Heyses „Kinder der Welt“ und sodann David Straußs Der alte und der neue Glaube“ letzteres ein wahrhaft herzstärkendes ud geisterlösendes Buch. – Weißt Du daß jetzt die Rottmannschen Arkadenfresken zu München restaurirt, u vor fernerer Unbill geschützt und in n wirklich vollendeter Weise durch Farbendruck vervielfältigt werden und vor Allem – daß im weltentlegenen kleinen Rechtenfleth Einer saß und das Alles verursachte? Du kannst denken wie glücklich er ist daß sein unabläßiges Artikelschreiben solchen Erfolg hatte. –
Und nun mit Gruß u Händedruck Euch ein fröhlich Christfest wünschend in treuer Liebe
Dein Hermann.
a gestr.: es; b gestr.: mit; c gestr.: Dis, eingef.: die; d gestr.: sie; e gestr.: allein, eingef.: zunächst; f gestr.: weitverzweigte, eingef.: allwaltende; g gestr.: das für; h gestr.: selbs; i gestr.: wie; j gestr.: des; k gestr.: zu; l gestr.: rechtes; m gestr.: wenn, eingef.: an; n gestr.: wahrhaft