Rechtenfleth d. 18 Nov 73.
Mein herzlieber Häckel.
Ich habe Dir so lange nicht geschrieben, daß ich jetzt vor lauter Schaam Dir kaum noch mit einem Briefe unter die Augen zu treten wage; doch weiß ich diese Dreistigkeit wirst Du mir dennoch nicht übel nehmen ud so seis denn hiemit gethan ohne viele Entschuldigungsbestrebungen. –
Der graue Spätherbst ist gekommen u die trauliche Flamme des Hauses flackert im Ofen es ist die stille Zeit der Einkehr u der Erinnerungen u Wohl dem der Beides in schöner a ud herzerquickender Weise haben kann. An Wanderbildern ist diesmal die Gallerie meiner Seele nicht bereichert worden aber manch lieber intressanter u herzerfreuender Besuch lebt in meinen Erinnerungen an den vergangnen Sommer. Daß [dazu] auch der Deines trefflichen Bruders gehörte, hab ich Dir doch wohl gemeldet. Wie sehr sein ganzes Wesen u Wollen mich ansprach kann ich Dir garnicht sagen. So Manches hatte er mit Dir gemeinsam u doch war wieder so Vieles || ganz Anders an u in ihm b obwohl nicht minder anziehend u liebenswürdig so daß mir der Umgang mit ihm, so kurz er war zu den intressantesten Stunden dieses Jahrs gehört. – Ein paar Ausflüge nach Bremen u Oldenburg abgerechnet habe ich mein stilles Marschendaheim nicht verlassen. Die fest vorgenommene Wiener Reise wurde im August durch eine fatale Augenentzündung die ziemlich lang anhielt, verhindert u als sie endlich durch Freund Fockes Hülfe beseitigt war, war auch alle Reiselust vorüber. – Die Umarbeitung meines Marschenbuchs war c meine literarische Beschäftigung u das Honorar der neuen Auflage, die jetzt im Druck ist (400 rth.) soll mich vielleicht – wieder nach meinem alten herrlichen Rom führen, wo nämlich nächsten Ostern verschiedene mir sehr liebe Verwandte (die Familie des wiener Hofraths Max v. Gagern) sein werden, die mich dringend einluden. – Vorläufig gehört indeß diese Romfahrt nur noch zu den frommen Wünschen. –
Also auch Dein Bild trägt nun die Gartenlaube auf einem ihrer Weltblätter über die Erde. Ich habe mich herzlich darüber gefreut „daß ich Dich in der Gesellschaft seh“. – Auch Göthe u selbst La Place hätten dabei sein können. –
Gerade als die Nummer erschien erhielt ich von Keil eine schmeichelhafte u dringende || Aufforderung doch einige Dichtungen einzusenden. Da ich indeß nichts Passendes habe bin ich angeregt durch Dein Bild auf den Gedanken gekommen das Deinem lieben Sohne gewidmete „Weihegedicht“ zu spenden u zwar mit einer novellistischen Umrahmung wenn auch ohne Deinen Namen zu nennen, falls Du es nicht erlaubst. – Daß es in seiner ganzen Richtung wie für die Gartenlaube geschaffen ist u riesig durchschlagen wird, dessen bin ich sicher. Nur bitte ich zuvor um Deine Einwilligung u verspreche durchaus voll Pietät u d Zartgefühl dabei zu verfahren. Daß Du mir u Vielen mit Deiner Gestattung einen Gefallen thust brauch ich Dir kaum zu sagen. Gieb mir darum baldigst Nachricht. –
Seit langer Zeit war mein Liederquell wie versiegt u vertrocknet. Neulich als mir alte längstvergeßne Verse, die ich vor manchen Jahren niedergeschrieben, in die Hände fielen – bekam ich plötzlich ein Lied aber ein tief ernstes, fast düsteres. Hier ist es: ||
Wie lang ists her, wie lang – wie lang,
Daß ich die letzten Lieder sangUnd niederschrieb, ich weiß es kaum,
Mir ist als wärs ein alter Traum.
Nun schau ich wie ein fremder Mann
Die schon vergilbten Zeilen an.
Sie melden mir von Lust u Leid
Aus längst verrauschter Jugendzeit,
Von mancher Hoffnung Morgenroth,
Von mancher Blüthe frühem Tod,
Von mancher hohen Weihestunde,
Von mancher tiefen Herzenswunde,
Von einem holden EngelsbildUnd einer Mutter treu u mild.
Ein fremder Mann, ein andrer Mann
Schau ich die eignen Zeilen an,Daß ich geliebt, daß ich gehaßtEs ist wie diese Schrift verblaßt.
Was ich gethan, was ich gewollt,Im Strom der Zeit ists hingerollt
Und grabesstill im Herzen nun –
Was drin begraben – o laßt es ruhn!
Mit Gruß u Händedruck
Dein treuerH A.
a gestr.: We; b gestr.: daß; c gestr.: die; d gestr.: und die