Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 10. Januar 1873

Rechtenfleth

d 10 Jan 73.

Mein herzlieber Haeckel.

Du glaubst nicht wie sehr mich Dein Brief mit seiner reizenden Verlockung in die Wunderwelt des Orient gepackt und aufgeregt hat. – Welche Tage würden das für uns sein! u glaube mir nur mein Junge, es gibt wenige Menschen unter der Sonne mit denen ich so gerne in die schöne weite Welt hinaus zöge als mit Dir, Du herzlieber, wackrer Kerl, an welchen mich a schon jetzt die Erinnerung an so manche gemeinsam verlebte hohe und

herzerfreuende Weihestunde mit heiligen Banden knüpft, das blaue Mittelmeer u seine sonnigen Gestade – zittert doch schon allein bei dem bloßen Gedanken daran mein ganzes Herz aufs Mächtigste. ||

Welch ein Stück Leben, und – für 400 Taler! u für die neue Auflage meines Marschenbuchs bekomme ich 500 Taler, und dennoch –– zweifle ich sehrsehr, daß

solch ein Glück mir erblühen wird. Soll ich Dir aber das Warum sagen so besteht das aus einem Zusammentreffen von so vielen kleinen oder größeren hindernden Umständen, daß ich mit deren Aufzählung den ganzen Brief anfüllen könnte, wenn’s uns beiden nicht langweilig würde, denn Alle sind sehr nüchterner Natur und nur ein Einziges erhebt sich allenfalls etwas über das Niveau des Alltäglichen, nämlich: fürb unsere Bezirkssynode, die gerade in unsere projectierte Reisezeit fällt, habe ich einc d Referat e u einen Antrag, f die Sache der entlassenen Sträflinge betreffend übernommen, g welche mir zur Herzenssache wurde, die ich deshalb || schwerlich h einem Anderen übergeben kann, da es ziemlich umfassende Vorarbeiten erforderte. – Nun höre, – bis zu Anfang nächsten Monats lasse mir Bedenkzeit –. Erhälst Du dann keine Zustimmung, dann suche Dir einen andern Gefährten – aber ja einen frischen, fröhlichen u schönheitsseligen – und ich will mich dann begnügen mit sehnender Seele, Dich im Geiste i bei den Wundern des Morgenlandes zu begleiten.

j Die Literatur über die zu bereisenden Gegenden kenne ich nur ziemlich mangelhaft. Jedenfalls wirst Du in Jena bessere Auskunft darüber erlangen können als ich Dir zu geben vermag. Indeß rathe ich Dir in Bezug auf Aegypten dringend Schnaases herrliche Einleitung zur ägyptischen Kunst zuvor || zu lesen (Band I Buch IV seiner Kunstgeschichte). Es ist nur ein kurzes Kapitel aber ganz meisterhaft, anschaulich, hochpoetisch u voll ruhiger Schönheit. –

Du hast auch ja Ebers dort und für Griechenland wende Dich doch an den begeisterten Gädechens mit seinen Reagentienthränen (Du verstehst mich doch). k Du wirst aber die beste Auskunft über Alles u Jedes erlangen durch den Professor Roßmann l in der Akademie in Weimar, der erst vor Kurzem von derselben Reise zurückgekehrt ist (als Begleiter des Erbprinzen v. Meiningen). Es ist ein liebenswürdiger reichbegabter u hochgebildeter Mann u mit mir durch seinen Orest u meine Elektra sehr befreundet worden, darum bitte ich ihn herzlich zu grüßen. Sein schönes Buch „Aus dem Lande der Cyclopen u Sirenen“ (Sicilien) wirst Du vielleicht schon kennen. –

Und nun leb wohl, hab Dank für das liebliche Bild Deiner kleinen Lisbeth sende mir auch Deinen Walter, grüße mir die Mutter u bleibe mir gut.

Dein treuer Hermann.

a gestr.: die; b gestr.: auf, eingef.: für; c korrig. aus: einen; d gestr.: Vortrag; e gestr.: über; f gestr.: betreffend; g gestr.: deren; h gestr.: in; i gestr.: zu; j gestr.: Xxx; k gestr.: Genug; l gestr.: der

Brief Metadaten

ID
8657
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
10.01.1873
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
12,6 x 19,9 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8657
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 10.01.1873; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8657