Rechtenfleth
d 27. Dcbr. 72.
Mein herzlieber Kerl.
Das Jahr soll nicht ins Meer der Ewigkeit sinken, ohne Dir zuvor doch ein kleines Lebens- und Liebeszeichen von mir gebracht zu haben. Ich wollte Du hättest den gleichen Gedanken
gegen mich, denn mich verlangt sehr nach Kunde von Dir. –
Zuerst nun vielen Dank für Deine Schrift über die Kalkschwämme, die ich, so weit ich sie verstand, mit großem und freudigem Interesse gelesen habe. Vor Allem freut mich dabei, daß Du doch zum guten Teil a jenen Hochmütigen das Maul stopfest, die b in ihrer vornehmen Herablassung Dich und Dein System allerdings sehr geistvoll aber eben so phantastisch und haltlos zu nennen geruhen. Eine echte und wahre That hast Du damit vollbracht und dem c Darwinismus (beinahe hätte ich Haeckelismus gesagt) eine weitere Grundlage gegeben, die
gar nicht hoch genug anzuschlagen ist. Das ist wenigstens meine unmaßgebliche Meinung. Wissen möchte ich nur, was Virchow dazu sagt, der, wie mir von einem Ohrenzeugen mitgetheilt wurde, noch jüngst geäußert hat: Du gingst leider noch stets in Deinem heißspornigen Obermut über || alle Hecken und Zäune. Laß sie nur reden, sie werden schon von selbst verstummen. Möge Dir nur die Kraft u Frische bleiben um auch Deinen Baud zu krönen mit jenem großen Werke, das Dir längst in strahlender Herrlichkeit e vor der Seele stand. Zur Auffrischung und Ansammlung Deiner Kräfte mußt Du aber wirklich Etwas thun u da wäre Nichts besser als wieder ein schöner ruhiger Aufenthalt im schönen Süden, ein paar Monate echtes Aquarell- und Bummelleben, aber ein classisches, also entweder in Rom, Athen oder Aegypten. Wie würde das Dir wohl thun, wie würdest Du aufleben, ich aber möchte dann bei Dir sein um, so wie Du in Gefahr kämest zu simpeln Dich sofort beim Kragen zu nehmen ud Dich ins schöne freudensprühende Leben zu schleudern. – Doch für jetzt noch einmal aus tiefstem, vollstem Herzen meinen freudigen Glückwunsch zu den Schwämmen. –
Wie sehr aber gehen unsre Interessen auseinander! Ich f arbeite nämlich eifrig in Holz unterdessen, d. h. ich schrieb für den historischen Verein unserer Provinz eine Abhandlung über unsere alte Holzskulptur (Schnitzkunst), von der noch manches schöne und interessante Werk in unseren Gegenden g erhalten ist und eigens in dieser Angelegenheit unternahm ich im vorigen Herbst einen Ausflug zu den alten, kunstvollen Städten des Niederrheins, namentlich nach Calcar, dem einstigen h berühmten Sitz der sog. burgundisch-niederrheinischen Schnitzerschule, dessen Denkmale meine ganze Bewunderung hervorriefen. – Einmal von Haus || losgerissen konnt’ ichs auch nicht lassen weiter zu wandern. Zuerst ging’s nach Aachen und in die interessante vulkanische Eifel, wo mir die Kraterseen bei Daun (Maare genannt) bald das Bild vom Nemisee, bald vom Lago di Arverno aufs lebendigste vor die Seele führten. Im alten Trier dessen Baudenkmale meine Erwartungen weit aus übertrafen verlebte ich i nach Herzenslust wieder Römische Schlendertage, wallfahrtete dann zur heiligen blutgetränkten Stätte der Höhen von Spicheren durchzog darauf das Nahethal mit dem phantastisch gelegenen Oberstein, war wieder einige ruhig schöne Tage mit Freunden am grünen Rhein in Bingen, Coblenz usw. u nahm den Heimweg durchs mir noch unbekannte Lahnthal wo Nassau, Limburg u sein malerisch ragender Dom, Wetzlar u seine Goethespuren so wie Marburg mit der herrlichen Elisabethskirche die Halt-, Glanz- u Genußpunkte bildeten, während j die Bildergalerie zu Cassel den Abschluß machte. – Es waren reiche erfrischende u erfreuende Tage. – Seitdem war ich meistens ruhig daheim abgerechnet einige Wochen diek ich als Geschworner bei der Schwurgerichtssession in Stade zubringen mußte. Und hier habe ich wahrhaft Erschütterndes erlebt. – Denke Dir ein Sohn hatte seinen Vater erschossen um seine Mutter von einem sie mißhandelnden Scheusal zu befreien, freilich nicht ohne l schwere Mitschuld von ihrer Seite. Doch fast freudig empfing er das Todesurtheil, m als er es durch bewundernswürdig gehaltene Aussagen die Geschworenen zum völligen Freispruch || seiner Mutter gebracht hatte. – Hernach habe ich ihn einigemale im Kerker besucht u lange tiefe Unterredungen mit ihm gehabt. Unter vielen Thränen hat er mir dann Alles gestanden. Welch ein prächtiger Kerl wär das geworden, wenn er stets in guter Umgebung aufgewachsen wäre. Es war ein düsteres Nachtstück aus dem aber doppelt herrlich der schöne Strahl kindlicher Liebe aufleuchtete. Wir hoffen, daß er den Tod durch Henkershand nicht erleiden wird, denn der ganze Gerichtshof will ein Gnadengesuch für ihn an den Kaiser richten. –
Ein andres Nachtbild, aber ein scheußliches, war eine alte häßliche u freche Giftmörderin, die auf qualvolle Weise sechs ihrer Verwandten aus dem Wege geräumt hatte. – Genug davon. –
Von hier weiß ich Dir nichts Dich Interessirendes zu melden auch von Bremen nur ein Kunde u eine sehr traurige. Auch mein Romberg hat jüngst sein liebes herrliches Weib verloren u sitzt nun still u tief betrübt bei seinen kleinen Kindern. Freilich mußte man, Gott sei Dank, sagen als sie endlich von ihrem langen qualvollen Brustübel erlöst war. – „Gott sei Dank“ wie Einem doch noch solch ein Wort entschlüpfen kann! Warum brauchte er sie denn erst zu quälen. – Ich mußte auch wieder Viel dabei Deiner theuren unvergleichlichen Anna gedenken. – Das ist eine Welt! –
Nun leb wohl mein herzlieber Junge, grüße mir Weib ud Kind u bleibe gut auch im neuen Jahre
Deinem treuen
H. Allmers.
a gestr.: den; b gestr.: Dich; c gestr.: Ha; d gestr.: Werk, eingef.: Bau; e gestr.: schon; f gestr.: habe; g gestr.: auf die; h gestr.: Sitz; i gestr.: wieder; j gestr.: worauf endlich; k gestr.: da, eingef.: die; l eingef. u. wieder gestr.: ihre; m gestr.: da