Rechtenfleth
d 29 Jun. 1872 [!].
Mein herzlicher Haeckel.
Ich kann Dir gar nicht beschreiben wie sehr mich Dein Brief mit seiner Einladung berührt hat, welch eine köstliche Brise von Wander- und Hausbildern, von hochinteressanten und tieferquickenden Stunden a die ich in den Tagen bei Dir und Deiner alten lieben Mutter fassen durfte er plötzlich vor mir aufsteigen ließ und wie sehr es mich zugleich mit wahrer Betrübniß erfüllte, daß ich mir dennoch Alles das versagen muß. Aber es ist nun einmal so.
Schon dreimal habe ich meines lieben Romberg prächtigen Kindern sammt einigen andern aus Bremen zugesagt b || die Schulferien bei mir zu verbringen und dreimal es zu ihrem Schmerze wieder aufgekündigt. Diesmal aber will darf ud kann ich mein Wort ihnen nicht wider brechen. Wenigstens 14 Tage (etwa von 8 Juli an gerechnet) ist daher an keinen Ausflug meinerseits zu denken. Sollte sichs dennoch noch einrichten laßen will ich Dir schreiben und anfragen ob’s dort c noch geht. So laß uns beiden dann ruhig verkneifen was einmal nicht gut zu ändern ist. Noch einmal wie gern ich wieder bei Dir wäre, mein theurer Junge, wie viel ich zu fragen u mit Dir zu reden hätte brauch ich Dir nicht erst auseinander zu setzen. Lassen wir’s gut sein.
Von Deiner Reise nach Sardinien u Corsica hörte ich durch Focke. Dahin hat es mich nun zwar nie gezogen aber in nicht all zu weiter Ferne schimmert golden d der schöne Plan Rom wieder zu sehen ud danach auch zu dene andern geweihten Stätten zu wallfahrten, || nach Olympia d. h. wenn die Ausgrabungen den geheiligten Boden erreicht haben, dann nach Athen ud f natürlich auch ein Stück des nahen Orients zu schauen. Sollte mir wieder vergönnt sein g das mit einem lieben herzlichen Menschen zu genießen h z. B. mit meinem genialen Freunde Fitger, so wäre damit einer höchsten Wünsche erreicht. i Ich erinnere mich daß Du einmal sagtest, so selten vomj Umgang mit bildenden Künstlern befriedigt zu sein. Den aber solltest Du kennen lernen und sehen wie reich u tiefk er ist an Herz und Geist – Du würdest Deine hohe Freude daran haben und eine so schöpferische Fülle in Wort ud Bild dringt unaufhaltsam aus ihm hervor ud stets reiner tiefer, bedeutsamer, daß manl aus dem Staunen kaum heraus kommt. So hat es unsm dann wieder mitten unter überhäufter Arbeit seines Stiftes und Pinsels plötzlich durch ein Drama (die Hexe genannt) überrascht, welches ich || für das hervorragendste und geistvollste Werk halte, das mirn seit langer Zeit vorgekommen ist. Eben wird es gedruckt, ich sende Dir’s sobald es die Presse verlassen hat, denn gerade für Dich ist das ein Stoff und schon jetzt freue ich mich auf Deinen Genuß daran.
Von meiner productiven Thätigkeit kann ich leider nicht Viel rühmen. Sie beschränkt sich außer die Marschen- ud Alpennovelle fast nur auf eine Reihe von Kunstartikeln für verschiedene Blätter. Diese Arbeiten indeß haben mir, abgesehen von Vergnügen ud Honorar auch manch werthvolles Kupferwerk als Recensionsexemplar o verschafft. Receptiv dagegen bin ich umso mehr gewesen ud manch seelenerquickend Buch verschönte mein weltabgeschiedenes Stillleben in den letzten Zeiten.
Eine süddeutsche Verlagshandlung (Kröner. Stuttgart) die als Pendant zu ihrem Werke „Aus deutschen Bergen) ein zweites erscheinen lassen will (Die deutschen Küsten) macht mir das verlockende Anerbieten im Laufe des Sommers begleitet von 2 Malern die Küsten ud Inseln p unserer Nordsee zu durchstreifen || und dann nächsten Winter in poesievoller q Sprache den Text zu den Bildern zu schreiben (während Edmund Höfer seine heimatlichen Ostseelande behandelt). Nach längerem Schwanken aber habe ich rundweg abgesagt und freue mich jetzt herzlich es gethan zu haben, trotz des verlockenden Reisegeldes u Honorars. Ich will nun einmal kein Schriftsteller von Profession heißen, sondern mit Stolz darum suchen keine Zeile zu schreiben wozu mein Herz mich nicht treibt. Freier Sinn u freie Feder sei mein Wahlspruch denn aufr Bestellung irgend etwas zu schreiben, würde mich mit Scham erfüllen. –
Nun werde ich etwa Mitte August ins die bairischen Alpen gehen namentlich an den Königssee ud in die Ramsau, wo ich mit Arthur Fitger wohl ein paar Wochen ruhig leben werde um dann übert Wien, u Oberitalien v ud München im Spätherbst den Rückweg anzutreten. – Ich schaue immer gern wieder was mich schon einmal beglückte und binw darum von Dir, der am liebsten || auf neuen Bahnen wandelt, grundverschieden. –
Kennst Du den jungen Bildhauer Adolf Hildebrand den Sohn Deines jenenser Collegen? Die Zeitschrift für bildende Kunst von Lützow brachte vor einiger Zeit einen Stich nach seinem „Schlafenden Hirten“, der mich aufs Höchste überrascht ja in die freudigste Bewunderung gesetzt hat und ich bin jetzt sicher, daß das Lob Lützows, der ihn unmittelbar den Griechischen Meistern namentlich Praxiteles anreiht durchaus kein sox übertriebenes ist, sondern wir in ihm einen aufgehenden Stern begrüßen dürfen, der mindestensy die ganze Gegenwart überstrahlt. z
Sind dort Photographien seiner Werke zu haben, so möchte ich Dich bitten mir namentlich seinen Trinker besorgen zu wollen. – Die Nachbildung eines Skulpturwerks, das auch Dich vielleicht interessiren wird, lege ich hiermit für Dich ein, es ist der in der Ruine von Ninive gefundene Kopf eines alten Assyrers.
Daß ich Dir den jungen Koopmann zuschickte hat Dich aa hoffentlich nicht unangenehm berührt. Er bat so dringend, daß ichs nicht gut vermeiden konnte. Strebsam mag er sein aber auch bb etwas verschroben u aufgeblasen kommt er mir vor wie so mancher Schulmeister. –
cc Zum Schluß eine naturwissenschaftliche Entdeckung. Schon lange bemerkte ich unter dem erratischen Geschiebedd auf der Sandebene der nahen Geest, sporadisch vertheilte Spuren vulkanischer Gesteine namentlich ein poröse Lava. Ich ärgerte mich stets über die Geognosten denen ich davon erzählte ud Proben vorzeigte. Keine wollten so recht anbeißen. Die Einen meinten ich sei getäuscht durch Stücke die durch Menschenhand herbei geführt wären, die Andern machten garee ein Gesicht als ob ich sie täuschen u betrügen wolle. – ff Die Gesteine fanden sich freilich auf der Oberfläche selten und sporadisch. Jetzt aber ist mirs gelungen in gewißer Tiefe eine Schicht mit vulkanischen Gesteinen zu entdecken und meine Freude darüber kannst Du denken. Diese || Schicht nun laße ich nächstens aufgraben und möchtegg dann ein paar jener Ungläubigen u Argwöhnischen hercitiren um hh sie zu meiner Genugthuung einmal mit der Nase darauf zu stoßen.
Meines Wissens ist bislang das Vorkommen vulcanischer Gesteine unter den nordischen Geschieben noch vollig unbekannt.
Schweden Norwegen od Finnland woher die erratischeb Blöcke stammen sollen aber ist bekanntlich ohne alle Spur von Vulcanismus. Demnach müßten die Strömungen deren Niederschlag wir in dieser Schicht vor uns sehenii jedenfalls isländische Gesteine herbeigeführt jj haben, denn Schottland hat wohl Basalte und Tuffe aber, wie ich meine, keine eigentlichen Laven, wie diese hier sind. – Ich glaube wirklich daß meine Entdeckung von einiger Bedeutung ist und in diesem Glauben sende ich Dir u den Deinen insbesondere lieben alten Mutter, die ich sehr verehre ud gern einmal wiedersähe die innigsten Herzensgrüße.
Dein vielgetreuer H. Allmers.
a gestr.: er mir vor meine Phantasie führt; b gestr.: einmal; c gestr.: g; d gestr.: wieder; e gestr.: die, eingef.: zu den; f gestr.: so; g gestr.: mit; h gestr: so wa; i gestr.: Du erinner; j gestr.: von, eingef.: vom; k eingef.: u tief; l gestr.: ich, eingef.: man; m gestr.: ist jetzt, eingef.: hat es uns; n gestr.: ich, eingef.: mir; o gestr.: gebracht; p gestr.: der; q gestr.: Wei; r gestr.: jede, eingef.: auf; s gestr.: nach, eingef.: in; t gestr: nach, eingef.: über; u gestr.: ud; v gestr.: wo; w gestr.: weiche, eingef.: bin; x gestr.: s; y eingef.: mindestens; z gestr.: xxx; aa gestr.: mir; bb gestr.: wohl; cc gestr.: In der; dd gestr.: unserer norddeutschen Ebene; ee eingef.: vor; ff gestr: Jetzt ab; gg gestr: will, eingef.: möchte; hh gestr.: gehörig; ii gestr.: haben, eingef.: schon; jj gestr.: sich