Rechtenfleth den 30 Jun 1871.
Herzlieber Haeckel.
Mit meiner Seele (d.h. im Fall ich eine habe) bin ich schon täglich im alten lieben Jena ud bei Dir – ud der Leib wird a ihr in wenigen Wochen nachfolgen. Du siehst ob dieses mit der Thür ins Haus fallens hoch auf aber – es ist so. – Mit Ende des Julimonats verlasse ich mein stilles Rechtenfleth ud eile dem deutschen Süden u der Alpenwelt zu, doch nicht ohne vorher im lieben waldgrünen Thüringen einige Wochen zugebracht zu haben, wie ich mich auf die Tage freue kann ich Dir nicht beschreiben. b Zweckec dieser Reise d sind zunächst rein dramatisch-literarischer Art – dann aber in gleicher Linie liebe Menschen ud e Naturgenuß. ||
Ich habe nämlich Aussichten in München meine Elektra auf die Bühne zu bringen und wollte deßhalb mit Frhrn v. Perfall, dem Intendanten das Nähere besprechen in Vermittlung Paul Heyses. Auch in Weimar will ich einmal anklopfen obwohl mir Dingelstedts Persönlichkeit etwas fatal ist. –
Sodann reise ich auf Werbung für die neue Zeitschrift welche unter meiner Aegide am 1 October das Licht der Welt erblicken soll. Noch immer ist ihr Name nicht f endgültig festgestellt ud wenn uns nichts Besseres einfällt wird sie sich wohl mit der schlichten Überschrift:
Monatsschrift für deutsche Kunst u Wissenschaft
begnügen müssen. Ihr Programm indeß lege ich Dir schon jetzt bei g indem ich hoffe h es werde Dir so sehr zusagen, daß ich noch einmal die große Ehre u Freude haben werde auch mit Deinem lieben weitberühmten || Namen meine Zeitschrift geschmückt zu sehen. Alles Weitere u Nähere bald mündlich in traulicher Stunde. –
Der Zweck dieses Briefes nun ist Dich zu fragen wann ud ob Dir mein Besuch recht gelegen ist z.B. wann Du Dein Colleg schließen wirst, i ob es Deiner lieben leidenden Frau auch genehm sein wird usw usw. Indeß komme ich damit freilich etwas früh u es kann sich mittlerweile noch gar Vielerlei ereignen was Alles wieder auf den Kopf stellt, indeß mags hingehn. Schreibe mir nur bald damit ich meinen Aufenthalt in Cassel, Gotha Weimar u Naumburg, wo ich noch manchem lieben u wackren Kerl zuvor die Hand drücken möchte, darnach oekonomisch einrichten kann. – ||
Zugleich bringe ich Dir dann Alles mit, was ich noch von Dir in Händen habe Dein Caprivortrag, die Daumersche Salbaderei ud Schaubachsj Alpenbuch. – Meine Elektra will ich Dir ud wer sie sonst dort hören k mag auch vorlesen.
So leb wohl mein theurer Junge, grüße mir Weib, Kind u Freund ud behalte lieb
Deinen treuen
H. Allmers ||
Ich habe schier vergessen in Briefen davon zu erzählen, daß ich bei meinem Aufenthalt in Gotha diesen Frühling auch mit Müller dem Geschäftsführer des Perthesschen Instituts von Dir geredet habe. Er sagte mir daß eine Neuherausgabe des großen Sprunerschen Atlas im Werke sei. Spruner selbst indeß habe die Arbeit l aus Mangel an Zeit abgelehnt, m Dich dazu vorgeschlagen und würde im Falle Du darauf eingehen solltest mit Dir in Correspondenz treten. Alles, sagte Müller, hinge indeß vom Beschluß Bessers ab der das Geogr. Institut übernehmen u in kurzer Zeit von Stuttgart herkommen werde. – Auch Petermann habe ich für Dich zu interessiren gesucht. – Jedenfalls mußt Du Dich mal n in Gotha in Erinnerung bringen ud anfragen. – ||
Mir ist der Gedanke durch den Kopf gegangen ob nicht unter König Max v. Baiern Dein Heil blühen könne. Kaum ein Fürst in Deutschland unterstützt jetzt so wie er guten Willen u gutes Wissen. Ich werde mit Stiehl sprechen der mit dem Könige recht vertraut umgeht. o Wie wärs wenn wir uns in 3 oder 4 Wochen also Ende Juli od. Anfang August uns in München träfen und p Stiehl bewegen dem Könige Deinen Plan eines Handbuchs alter Geo- u Ethnographie vorzulegen. Das wäre herrlich. In München dürftest Du natürlich nicht dauernd leben wohl aber im milden Franken, im alten lieben Nürnberg z. Beispiel. – Bedenke das einmal. Schreibst Du mir nach München so adressire die Briefe an den
Gasthof Zum Oberpollinger.
[Gedruckte Beilage]
Programm.
Unsere Zeitschrift will es versuchen, die großen treibenden Ideen, welche in der Kunst und Wissenschaft unserer Tage nach Erscheinung ringen, aus den zahlreichen Fachwerken hervorzuholen, in denen sie – zur Zeit nur noch wenigen Eingeweihten zugänglich – dem Tage entgegenreifen, an welchem sie mit triumphirender Lebenskraft alle Völker unter ihr Banner versammeln werden. Sie will dieselben auch denen nahe bringen, deren Beruf es ihnen nicht gestattet, sich durch selbstständige Arbeit in jene Tiefen des Lebens zu versenken.
Es wird kaum erforderlich sein, auf das Bedürfniß einer solchen Zeitschrift namentlich für Norddeutschland hinzuweisen, welches bisher eines Blattes von einer solchen Tendenz gänzlich entbehrt.
Wir beabsichtigen in möglichster Vielseitigkeit Aufsätze aus allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft zu bringen, die sich ebensowohl von unzugänglicher Fachgelehrsamkeit, als von flacher Popularität fern halten sollen. Wir wollen die Gebildeten aller Stände über künstlerische und wissenschaftliche Fragen aller Art belehren und für letztere ein Interesse auch in weiteren Kreisen erwecken, nicht aber dem Publikum eine bloße Unterhaltung bieten.
Das Blatt soll möglichst nur Positives bieten. Jedoch wird damit nicht ausgeschlossen sein, daß ungesunde Richtungen, welche sich in Kunst und Wissenschaft breit machen zum Schaden edler lebenskräftiger Bestrebungen, ernst und energisch angegriffen werden.
Fragen des unmittelbaren praktischen Lebens, mögen sie socialer, politischer oder kirchlicher Natur sein, gehören nicht in das Programm unseres Blattes. ||
Das Feuilleton wird eine ansprechende, gewählte Lectüre bieten. Auch werden poetische Erzeugnisse, soweit es der Raum gestattet, in demselben eine Stelle finden. Jedoch soll auch das Feuilleton durchaus nicht einer bloßen Unterhaltung dienen, sondern der Tendenz des ganzen Blattes entsprechen. Romane und Novellen, welche lediglich der Vertreibung der Langenweile dienen, sind daher ausgeschlossen.
Bestimmte Schulansichten in ästhetischer und wissenschaftlicher Beziehung vertritt das Blatt nicht. Es will sich vielmehr bestreben, so viel wie möglich ein Bild des frischen Lebens selbst zu sein, in welchem nur aus dem Kampfe verschiedener Ansichten sich das Neue und Höhere gebiert. Was an frischem und gesundem Leben in welcher Richtung immer sich äußert, soll eine offene Stelle in demselben finden. Allem blinden Autoritätenthum und Cliquenwesen wird es mit unbestechlicher Unpartheilichkeit entgegentreten und Originalität und geistige Frische, welche jedem ehrlichen und lebendigen Streben stets eigen sind, mit allen Kräften zu wahren suchen.
[Handschriftlicher Zusatz:]
Wahrscheinlicher Titel:
Monatsschrift
für deutsche Kunst und Wissenschaft
unter Mitwirkung der literarischen Gesellschaft zu Bremen
redigiert von H. Allmers.
a gestr.: ba; b gestr.: Ein; c erg. aus: Zweck; d gestr.: ist; e gestr.: die; f gestr.: festge; g gestr.: ud; h gestr.: daß; i gestr.: usw.; j korr. aus: Schaubachens; k gestr.: will; l gestr.: abgelehnt; m gestr.: ud; n gestr.: bei Besser; o gestr.: Es wäre ge; p gestr.: wir xxx;