Rechtenfleth.
d 5. Jan 1871.
Mein herzlieber Haeckel.
Dein obwohl kleines aber so inhaltreiches Briefchen hat mich ebenso freudig überrascht als aufs tiefste berührt u bewegt. Namentlich gerührt hat es mich, daß Du ina der wichtigen b Frage ,,ob bleiben oder gehen” selbst mir ein Votum gestatten willst. Denn es ist mir ein neuer Beweis Deiner Freundschaft. Zuerst denn aus tiefster und vollster Seele meinen freudigen Glückwunsch zu der neuen Bahn, die sich Dir in so ehrenvoller Weise erweitert aufschließt und das große ewig denkwürdige Jahr 1870 Dir noch besonders verhängnisvoll und bedeutsam macht. Wie mächtig Dich die plötzliche Botschaft bis ins Innerste gepackt hat || und aufgerüttelt haben muß, kann ich mir denken. Nachgerade aber wirst Du schon in ruhigem c Erwägen und Überlegen Alles und Jedes, was für Jena und für Wien spricht, Dir hinreichendd klar gemacht haben, wie denn auch ich es so weit meine befangene und jedenfalls unmaßgebliche Anschauung geht, gethan habe. Ich kann es mit dem kürzesten Satze aussprechen. e Für Jena spricht das Herz, für Wien der Kopf. Darin liegt Alles. –
Im alten lieben Jena wurzelt und haftet Dein Herz mit tausend Fasern, tausend Erinnerungen an einef Vergangenheit, die so reich für Dich war an Freud wie an Leid. – In Jena hast Du Deinen nächsten innigsten Freund Deinen treuen Gegenbaur, dem Du zu allen Zeiten Dein ganzes volles Herz ausschütten kannst; in Jena kennt und liebt man Dich, eine Verehrung umfängt Dich, die Deiner Seele namenlos wohltun muß; von Jena ist nicht allzuweit bis zu Deinen alten lieben Eltern, u endlich: || in Jena hast Du das Grab Deiner herrlichen Anna, an die auch ich nicht denken kann, ohne daß mein ganzes tiefstes Herz aufzittert. – Sieh das vor Allem stellt sich mir vor die Seele wenn ich in dieser Frage an Jena denke.
Wie so ganz anders tritt aber Wien hervor glanzvoll, bedeutsam, zukunftverheißend. Deine höhere u glänzendere Stellung; die großen u herrlichen Hülfsmittel welche Dir dort in Deiner Wissenschaft zu Gebote stehen; der stete Verkehr mit bedeutenden Gleichstrebenden, der erweiterte Kreis Deiner Zuhörer u Schüler, ud (was nicht allzug leicht in die Waage fallen dürfteh), zuletzti die Nähe der Alpenwelt, des blauen Mittelmeers und unseres schönen Italiens. – Was endlich noch die pecuniäre Frage betrifft, habe ich darrüber kein Urtheil, da ich nicht weiß wie hoch Du dort Dein Einkommen anschlagen kannst u nur weiß, daß Wien jetzt in den Preisen fast mit London concurrirt. ||
Da hast Du das, was ich bei Wien erwäge.
Darf nun das Herz mit dem Kopfe davon laufen? frage Dich selber. –
Eine entscheidendej Stimme mag ich nicht k abgeben, da ich namentlich über Wien in einigen Puncten nicht competent bin. Bei München, was ja auch zuweilenl unsere Wünsche anregte, wäre es schon anders. Doch seis, wie es sei. Du wirst längst entschieden haben, wenn mein Brief Dir zu Händen kommt und was kann Dir meine Meinung in solchen Dingen auch Viel gelten. Aber froh u glücklich bin ich ob des freudigen Ereignisses u rufe Dir ein herzliches Glückauf oder weil Du ein alter Turner bist ein Gut Heil! entgegen.
Nur bitte ich dringend mir bald mitzutheilen, wie Du entschieden hast.
Gruß und Händedruck und Glückwunsch Dir und den lieben Deinen
Dein vielgetreuer
Hermann.
Vergiß auch nicht den Capri Aufsatz.
a gestr.: bei; eingef.: in; b gestr.: Angele; c gestr.: Uber; d eingef.: hinreichend; e gestr.: was; f gestr.: die, eingef.: eine; g gestr.: ganz, eingef. all; h gestr.: sollte, eingef.: dürfte; i gestr.: endlich, eingef.: zuletzt; j gestr.: urtheilende, eingef. entscheidende; k gestr: weder; l gestr.: xxx, eingef.: zuweilen