Rechtenfleth, 15. Nov. 1870.
Mein liebster Häckel.
Wie lange trage ich mich mit dem festen Vorsatze herum Dir zu schreiben, wie oft bin ich im Geiste bei Dir gewesen u habe mich mit Dir gefreut, mit Dir in stolzem Hochgefühl die herrliche einmüthige Erhebung unseres Volkes begrüßt – aber, wie das so geht – zum Schreiben kam ich nicht – ja ich hätte Dich beinahe eher gesprochen als Dir geschrieben, denn ich war nahe daran Rombergs auf ihrem Herbstausfluge nach dem Harze zu begleiten u habe a bitter bereut es nicht vollführt zu haben. Als ich vom Burgberge Eure gemeinsam unterzeichnete Karte empfing u auch Deinen lieben Namen drauf erblickte hätte ich mich ohrfeigen mögen vor Ärger. Später hat Romberg mir davon erzählt welch fröhliche Stunden Ihr gehabt hättet. –
Aber welch eine Zeit ist das! welche Erhebung!, welche Siege! – So lange des Vaterlands Berge ragen u sein Meer an die Ufer brandet, hat es solche Tage nicht geschaut. Glücklich preisen werden uns noch die spätesten Geschlechter, daß uns vergönnt war Solches zu erleben, und werden segnen all das Ringen und Kämpfen, alles hingeströmte || Blut, alle Opfer und alle Thränen, die ihnen nachgeweint werden. Es wird sicherlich eine schöne Zeit kommen, wenn erst Kampf und Sturm vorüber sind und die goldene Friedenssonne unser Vaterland wieder umglänzt. Und wie wird es dann dastehen in seinem herrlichen Siegesruhm – groß und achtunggebietend und mächtig nach außen – frei und glücklich und einig b im Innern, daß c alle Völker ringsumher nah u fern sich neigen sollen vor der Majestät des Deutschen Volkes. – Von den Ereignissen selbst darf ich schweigen.
Mit Interesse vernahm ich, Du d habest die blutgetränkten Stätten von Weißenburg und Wörth besucht. Ein Schlachtfeld als solches hat für mich durchaus Nichts Anziehendes, und
zu anderen e Reisen fehlte mir die nöthige Harmlosigkeit, so bin ich ruhig daheim geblieben. Zwar hatte ich mich so wie der Krieg ausbrach den Johannitern zur freiwilligen Mithilfe angeboten. Ich ward auch angenommen und dem Delegirten für Westphalen H. Landrath Bodelschwingh zu Münster beigeordnet, der mich f bestimmte, die Verwundetentransporte zu begleiten und mir aufgab nicht auf längere Zeit die Heimath zu verlassen, damit ich jederzeit seines Rufs gewärtig sein könne. – Aber bis dahin ist der Ruf noch nicht erfolgt u nachgerade glaube ich auch kaum noch, daß er kommen wird. || So gebe ich mich denn mit dem Bewußtsein zufrieden daß ich wenigstens gewollt was ich gesollt habe und gern Haus u Hof verlassen hätte um mitzuhelfen am großen Werke. –
Daß ich in solchen Tagen nichts geschaffen u gearbeitet sondern fast nur Zeitungen gelesen habe, wirst Du begreiflich u verzeihlich finden. Doch nach u nach g will meine andre Natur auch h ihr Recht fordern ud so kann ich denn schon wieder mit einiger Ruhe u Erquickung literarische u kunstgeschichtliche Studien treiben, wenn auch noch nicht producirend. Auch einige Federzeichnungen habe ich vollendet. Jetzt bin ichi mit einer großen j Ideallandschaft beschäftigt, die dem Inhalt des Mignonliedes aussprechen soll u zwar sok, daß der Vordergrund mit seinen blühenden Citronen und Goldorgangen dem ersten Verse; der Mittelgrund (eine statuengeschmückte l marmorschimmerde Villa an einem See liegend) dem zweiten m u endlich der Hintergrund, welcher ein nebelumwalltes mächtiges Hochgebirge zeigt, dem dritten Verse gewidmet ist. Mein Streben dabei ist vor Allem sowohl durch erhabene Linienschönheit als rechte ausgeprägte Characteristik n || zu wirken und ich kann Dir nicht sagen wie sehro diese Arbeit, nach all dem Pulverdampfe den man beim Zeitungslesen mit verschlucken mußte, mich erfrischt u erfreut. – Auch Du hast Du mir gestern eine rechte Freude p gemacht. Ich las Deine Schilderung Eurer Pikbesteigung u muß Dir offen sagen, daß sie ein Meisterwerk an einfach schöner Klarheit u Anschaulichkeit ist, das mir den größten Genuß gewährt hat. Wie sehr verlangt mich nun auch Deine Schilderung von unsern beiden lieben Inseln Ischia u Capri zu lesen, die Du mir schicken wolltest. Bitte thu es doch so bald wie möglich. – Den edlen Daumer sende ich Dir nächstens unter Kreuzband. Ich hoffe er hat Dir auch nicht eine Viertelstunde Schlaf geraubt. Vielen Dank für die Tafeln, namentlich die welche der Ausbreitung u Entwicklung des Menschengeschlechts gewidmet ist q gewährt das höchste Interesse u den klarsten Überblick. –
Gedichtet habe ich seit meiner Elektra kaum einen Vers auch unsre große nationale Erhebung hat nicht einmal befruchtend gewirkt. Das liegt eben in meiner ganzen inneren Naturanlage. Als Poet bin ich durch u durch Romantiker (im Straußschen Sinne) nicht die Gegenwart sondern nur erst das Vergangene, (vergangene Größe, vergangnes Glück, vergangne Tage) erscheint mir r erst verklärt und ergreift mich so tief, daß es in meinem Innern zur wirklichen Gestaltung kommt. Der Gegenwart gegenüber bin ich nur passiv u empfangend.
Wann wollen wir uns wiedersehen? – Sagen wir Beide mit festem Vorsatze nächstes Jahr, sei’s wo es sei. –
So leb wohl denn Du lieber treuer Kerl grüß mir Dein liebes Weib u Deinen prächtigen Jungen u erfreue bald durch einen Brief
Deinen
H. Allmers.
a gestr.: es; b gestr.: nach; c gestr.: die; d gestr.: seies; e gestr.: Ausfl; f gestr.: für; g gestr.: xxx; h gestr.: sein; i eingef.: ich; j gestr.: Landsch; k eingef.: so; l gestr.: Vi; m gestr.: Verse; n gestr.: zu; o gestr.: mich, eingef.: sehr; p gestr.: gehab; q gestr.: mir; r gestr.: so