Rechtenfleth d. 18 März 70.
Mein herzlieber Haeckel.
Du hast mir mit Deinem intressanten Briefe und den ihn begleitenden Photographien eine solche Freude bereitet, daß ich mich doppelt schämen muß noch nicht erwiedert zu haben. Ich wollte indeß warten bis das große Ereigniß die Aufführung meiner Elektra stattgefunden hatte, denn andres Wichtiges war nicht von mir zu berichten. Jetzt endlich kann ichs denn melden u zwar zu meiner großen Freude, denn ich habe einen Erfolg damit gehabt wie ihn mir meine kühnste Phantasie nicht vorzumalen wagte. Am 10t März ging es vor sich. Das Haus war bis zum Brechen voll, auch der ganze Hof anwesend, die „Choephoren des Aeschylos an denen sich mein Drama anschließt gingen vorher, und auf dem düsteren erschütternden u gräslichen Inhalte dieses, so wie nach seiner wuchtigen u dem großen Publikum oft schwer verständlichen Sprache wirkte das meine um so lichter, klarer freundlicher u versöhnender. ||
Die Ausstattung war so schön u archeologisch richtig wie irgend dort möglich, a gespielt wurde mit Talent Verständniß u Freude, b in lautloser Stille lauschte die Menge, kein Wort, kein Gestus ging verloren, c wunderschön und recht antik gefühlt war auch die dazu von Capellmeister Dietrich componirte Musik (Introduction, u d Chor der Knaben mit Doppelflöten beim Opfer) genug Alles u Jedes war wie ichs nur wünschen konnte, und so brach denn mit dem Fallen des Vorhangs ein wahrhaft betäubender Beifallsdonner los e der nicht enden wollte ud die alte Bude förmlich wackeln machte. So mußte ich denn gar (um dieselbe die schon baufällig genug ist nicht noch mehr in Gefahr zu bringen) mit Gewalt auf der Bühne erscheinen, sintemal solches auch der Hof wünschte. Daß ich mich lange genug sträubte kannst Du denken als mich aber dief zwei liebenswürdigen Darstellerinnen der Elektra u Iphigenie endlich ohne Weitres unter die Arme nahmen – wer hätte da noch länger widerstehen können. So ließ ichs denn geschehen. Indeß nicht ganz viel mehr als meine Nase hat das Publikum zu sehen bekommen. –
Ich weiß ja wie sehr Dirs Spaß machen wird darum erzähl ich so weitläufig davon. In nächster Zeit || soll g der ganze Abend wiederholt werden ud alsdann wird mein Drama gedruckt ud an die übrigen deutschen Bühnen versandt. Daß auch Du sofort ein Exempl. erhältst versteht sich von selbst. Du glaubst nicht, mein Junge, wie beglückt u gehoben ich dadurch bin, denn gerade im kleinen Oldenburg ist ein so gesundes, intelligentes u feinfühlendes Publikum, daß ich dort einen Erfolg doppelt hoch anschlagen kann.
Das ist aber auch so ziemlich Alles was ich von einigem Intresse für Dich mitzutheilen habe; sonst sind meine Tage in einförmiger Stille u Weltabgeschiedenheit hingeflossen. Herzlich freue ich mich des nahenden Frühlings, der allerlei Arbeiten u Beschäftigungen mit sich bringen wird, auch Bauten, jedoch nur wirtschaftliche, auch ans Reisen denke ich wieder mit freudezitterndem Herzen. Wohin es geht – liegt noch im Schooße des Schicksals, wahrscheinlich aber wohl wieder in die Alpen ud dann natürlich auch ein Stückchen hinüber denn – wie könnt ichs übers Herz bringen vor den Thoren des Paradieses wieder um zu kehren. Es giebt für die 3te Aufl. der Schlendertage ja wieder Honorar, das h muß auf schöne Weise in die schöne Welt getragen werden. ||
Vom alten liebenswürdigen Preller erhielt ich jüngst auch einen herzenswarmen Brief ud ebenfalls zwei reizende Zeichnungen von ihm in photogr. Nachbildung. Daß ich die Deinigen oft u oft mit wahrem Genusse betrachte kannst Du denken ud danke Dir nochmals von ganzem Herzen für die Freude; könnt ich’s nur einmal wieder recht vergelten. Von Oldenburg reiste ich nach i Hannover ud bekam Wagners „Meistersinger“ zu hören, ein köstliches riesiges u höchst intressantes Ding, das Du ja einmal sehen u hören mußt, mögen sie schimpfen, so Viel sie wollen W. ist ein Kerl über den sie sich lieber freuen sollten, diese Musikphilister. –
Bitte bringe Gädechens meinen besten Gruß u freundlichsten Dank für seine gütige Beihülfe zu unsern Untersuchungen über das alte Tempelbild des Apollo. j Uns ist gelungen ein sok famoses Uridol l zu bewerkstelligen, daß alle alten Archäologen vor Freuden Rad schlagen. Sag ihm das.
Sicherlich komme ich diesen Sommer auch einmal nach dem lieben Jena dann wollen wir wieder prächtige Stunden haben.
So grüße mir Weib, Kind u Freund
u behalt liebDeinen getreuen Allmers
Dramatiker.
a gestr.: die; b gestr.: in fas; c gestr.: u endlich mit dem Sink; d gestr.: ein; e gestr.: und; f eingef.: die; g gestr.: es; h gestr.: müssen; i gestr.: Brem; j gestr.: Wie; k gestr.: ganz, eingef.: so; l gestr.: herg;