Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 30. Dezember 1869

Rflth d. 30 Dcbr 69.

Mein lieber Haeckel.

In dieser Ferienzeit wirst Du sicher an mich schreiben, ich denke das wenigstens und will Dich nicht täuschen wenn auch Du das von mir gedacht hast, hab ich doch schon lange groß Verlangen von Dir u Deiner nordischen Reise zu vernehmen ud Dir auch von mir zu erzählen, wenn gleich ich nicht so Intressantes zu berichten habe. Indeß eine hübsche Wandrung die nach Norden ging habe auch ich hinter mir. Im Juli nämlich durchstreifte ich mit meinem lieben römischen Genossen Detlefsen von seiner Vaterstadt Glückstadt aus seine schleswig holst. Heimatslande. Zuerst ging es durch die fruchtbaren aber fast baumlosen Marschen Nordfrieslands zu den armen kleinen Halligen u Inseln von denen uns das sehr intressante Sylt drei volle Tage fesselte. Dann aber wandten wir uns östlich, überschritten den öden moorigen Haiderücken u stiegen wieder zu den lieblichen buchenbewaldeten saatengoldumwogten Hügelufern der blauen Ostsee deren Gegensatz zu dem eben verlassenen Nordseestrand größer war als ihn die Nord u Südseite der Alpen zu bieten vermögen. Das malerische Flensburg u die Kampf- ud Grabstätten von Düppel u Alsen wurden besucht; Schleswig mit seinem alten kunsterfüllten Dome und im reizend gelegnen Kiel drei schöne Tage mit lieben Menschen verlebt. – Theils war diese a Wanderung im Intresse der neuen Auflage des Marschenbuchs, welche auch die Marschen jenseits der Elbe behandeln wird, theils zu kunst- u kulturgeschichtl. Zwecken, nämlich um die b zahlreichen u sehr intressanten Denkmale alter Holzschnitzkunst in jenen Ländern || kennen zu lernen c da ich eine Arbeit über die alte Schnitzkunst des nordwestl. Deutschlands unter der Feder habe. Indeß auch Etwas ganz Anderes hat mir das vergangene Jahr gebracht. Denke Dir höre u staune! Ein antikes Drama hab ich geschrieben. „Elektra“ heißt das jüngste Kind meiner Muse. Zwar das Verdienst der Erfindung gebührt einem Größeren u das ist kein Andrer als – Göthe. Ich selbst habe nur seinem ungebornen Kinde Form u Gewand verliehen ud willst Du wissen d woran ich mich wagte so lies was Goethe auf seiner italienischen Reise am 19 Octbr 1787 zu Bologna in sein Tagebuch aufzeichnete. Seis aber wie‘s sei ich habe die große Freude daß mein Werk überall und selbst in den competentesten Kreisen wo ich es las großen Beifall geerndtet hat, ja noch mehr, daß es bereits im Februar im Hoftheater zu Oldenburg über die Bretter, die die Welt bedeuten, gehen wird. Ich betrachte die Darstellung auf dieser kleinen vortrefflichen Bühne eigentlich nur als eine Probe, fällt die gut aus dann send ichs gedruckt in alle Welt ud will Alles daran setzen daß es namentlich in München gegeben wird wo ich allerlei Verbindungen mit den Leitern des dortigen Hoftheaters habe. Auch in Weimar hab ich jetzt solche. Damit Du aber doch wenigstens einen kleinen Vorschmack erhältst sende ich Dir eine Probe davon, einen e Morgenchor der delphischen Apollopriester, während die Sonne aufgeht womit das Drama beginnt. Ein andrer kürzerer, nämlich ein Opferchor schließt es. Beide (sammt einer Einleitungsmusik) werden jetzt von einem jungen talentvollen Musiker in möglichst antiker Weise componirt u f die ganze Ausstattung vom uralten steifen Tempelbilde des Apollo bis zu den Haarnadeln der Iphigenie u Elektra soll so archaeologisch richtig sein, daß man seine Freude haben wird. ||

Du glaubst überhaupt nicht mit welcher Frische ud Begeisterung ich das Drama g in einem Gusse vollendete ud vor Allem wie mich jetzt seine würdige Darstellung erfüllt u beschäftigt. Wenn Gädechens mir genau h angeben kann, wie das alte Apollobild zu Delphi aussah bekommt er ein Ehrenbillet. – Erst eben vor Weihnachten bin ich nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in Oldenburg von dort zurückgekehrt und habe in jener kleinen urgemüthlichen ud intelligenten Residenz ohne Residenzluft gar nette anregende Tage gehabt. Fast wie eine kleine Universitätsstadt kommt mir Oldenburg vor so frisch u studentisch ist der ganze Umgangston, so flott u fröhlich wird gekneipt, so reich ist die Bibliothek, so mannichfaltig sind die geistigen Intressen vertreten. Dazu eine kleine höchst intressante Gemäldegallerie u ein Theater von so schönem u harmonischen Zusammenspiel u so edler Richtung daß es einem wahrhaft wohlthut ud endlich was die Hauptsache ist wimmelt das kleine Nest förmlich von lieben netten Kerlen; genug Du mußt es jedenfalls einmal unter meiner Führung kennen lernen, wenn wir erst den neuenburger Urwald zusammen besuchen. Zu einer Schilderung desselben wurde ich noch jüngst von der Gartenlaube aufgefordert, die im Besitze schöner Ansichten davon ist. – . Daß meine in Oldenburg erschienenen Schlendertage bereits die zweite Auflage nöthig machten wird Dir vielleicht schon bekannt sein ud Du kannst denken wie glücklich mich selbst das Glück meines Buches macht. Aber nun die Hauptsache weshalb ich mich dort drei Wochen lang aufhielt. ||

Ich habe mir dort nämlich einen künstlichen Verschluß meines Gaumens machen lassen u die Operation ist so herrlich ausgefallen, daß ich schon jetzt zu Aller Überraschung wenngleich noch etwas unbeholfen doch schon sehr deutlich u ohne den geringsten Nasenton reden kann, obwohl die rechte Wirkung ja erst nach einigen Monaten eintreten soll. Du ahnst nicht, wie selig ich darüber bin. – Das ist Alles was ich Dir zu berichten habe von mir. Ich denke es wird Dich freuen.

Sehr gespannt aber bin ich auf Deinen Brief mein Junge, nur nicht zu kurz laß ihn sein.

Wann erscheint die 2te Aufl. Deiner Schöpfungsgeschichte? Denk an Romberg dann, der Dich unendlich verehrt. – Und noch Eins. Ich sandte Dir vorigen Sommer einmal ein eigenthümliches lampretenartiges Thier aus dem Inneren eines armen Kabeljaus den es ganz abgezehrt hatte. Was ist es? Vergiß es nicht mir‘s zu schreiben.

Und nun leb wohl mein lieber treuer Kerl, grüße mir herzlich Weib u Kind u habe ein schönes frucht u freudenreiches neues Jahr mit alter Treue,

Dein

Hermann.

Schlenderer von Rom. ||

Erste Scene imVorhof des Apollotempels zu Delphi.

Morgendämmerung. Chor der Apollopriester tritt auf ud stellt sich zu beiden Seiten des Altars vor dem Tempel auf. So wie derselbe seinen Gesang beginnt theilt sich der Tempelvorhang auseinander u man erblickt in seinem erleuchteten Inneren das alterthümliche Bild des Gottes.

Phöbus Apollo, seliger Gott. Allseher Du ud Allheilender! Der Du verscheuchst mit leuchtendem Blick

Die Schatten der Nacht, der länderumfangenden

Der Du sie segnest mit Licht u mit Leben Die Höhn ud die Tiefen, den Wald u die Flur

Und das erdumwallende mächtige Meer.

Phöbus Apollo! Sieh Deine Priester

Siehe sie nahen nach altem Brauch In stiller Stund, in dämmerumhüllter

Deinem erhabnen, lorbeerumschatteten

Heiligthum mit Preisen u Danken Und heiligem Opfer u heißem Flehn.

Huldreich u gnädig wollest Du neigen

Dein Strahlenhaupt uns Menschenkindern Phöbus Apollo, seliger Gott! – ||

Erster Halbchor Siehe schon sendest voran Du die liebliche

Eos die Botin, die rosig erglühende, Daß sie verkünde der schlummernden Erde

Dein segenausströmendes herrliches Nahn

Phöbus Apollo!

Purpurn ud golden flutet das uralt

Ewige Meer und schauert auf Und rauscht Dir entgegen Mit tausend Zungen.

Den Morgenhymnus –

Phöbus Apollo!

Purpurn und golden färbt sich ringsum

Das erhabne Gebirg ud vor Allem erglüht

Wolkenumwogt, quellenumrieselt

Des Parnassos heiliger Götterbergi

Phöbus Apollo!

Zweiter Halbchor Höre der Erde unzählige Stimmen Aus Wald ud Gebirg ud dem stromdurchwallten

Saatengesegneten, Heerden ernährenden

Flachen Gefild – sie erheben den jauchzenden

Preisgesang, Deinem Erscheinen Phöbus Apollo! – ||

Aber die Menschen richten sich auf

Vom nächtigen Lager, freudig von Neuem

Des lieblichen Lichtes goldner Fluth;

Alle die tausend, bang umnachteten

Sorgengequälten Menschenherzen

Schlagen Dir wieder wonnig entgegen

Der Du sie füllest mit neuem Muth Und mit neuer Kraft Phöbus Apollo! –

Ganzer Chor. Wir kommen, wir nahen Mit Preisen u Danken Und heiligem Opfer u heißem Flehn.

Gnädig u huldreich wollest Du neigen

Dein Strahlenhaupt uns Menschenkindern

Allseher Du u Allheilender,

Phöbus Apollo, seliger Gott! –

Während des Gesanges ist die Sonne empor gestiegen sobald er verklungen ist verhüllt sich das Bild des Gottes wieder. Die Handlung beginnt u Elektra tritt auf. ||

Zweite Scene

Elektra zu einem ihrer Sklaven der eine Lade trägt. –

Wir sind am Ziel, stell nieder was Du trägst.

(Zu den Priestern)Ist hier der Ort, wo man die Gaben bringt

Die man dem heilgen Tempel weihen will?

Priester.Die Gaben rings umher bezeugen Dir‘s.

Elektra auf die Lade deutend.Die meinige ist hier, wann darfs geschehn?

PriesterNachdem verkündet Deinen Namen Du

Geschlecht ud Heimat ferner was Du bringst

Sodann warum du’s bringst ud ob Du auch

Der Pythia heilgen Spruch zu hören kommst.

ElectraGern steh ich Red u Antwort Dir o GreisObwohl nicht freudig ist was ich enthülle;Nicht weiß ich wahrlich ob des Ruhmes Glanz

Ob all des Unheils Jammer größer ist,Den ewge Götter meinem Stamm beschieden

Vernahmt Ihr je des Tantalos Geschick?

usw. usw.

Seis hiemit genug als Probe.

a gestr.: ganze; b gestr.: dor; c gestr.: zu; d gestr.: was; e gestr.: Ch; f gestr.: das G; g gestr.: xxx; h gestr.: angebot, i korr. aus: Götterhochberg

Brief Metadaten

ID
8647
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Preußen
Datierung
30.12.1869
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
8
Umfang Blätter
4
Format
13,2 x 21,3 bzw. 14,0 x 21,9 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8647
Beilagen
Ms. von Elektra
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 30.12.1869; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8647