München d. 24t Sptr 68.
Mein herzlieber Häckel.
Da nun schon bald 8 Tage verstrichen sind, seit ich in München bin ud noch immer keine Nachricht von Dir eingelaufen, so fange ich an besorgt zu werden, eine ernstliche Krankheit könne Dich am Schreiben hindern. So will ich denn lieber selbst die a Initiative ergreifen indem ich die Hoffnung ausspreche Du seist mehr faul als krank. – Nun in Kürze die Erlebnisse u Ergebnisse meiner Reise. –
Bis ins tiefste Herz hinein vereinsamt fuhr ich Nachmittags nach unsrer jähen Trennung von Botzen ohne Aufenthalt zum Garda See || dessen erfrischende Luft, entzückende Linien- u Farbenschönheit u tiefsüdlicher Pflanzencharacter mich volle drei Tage zu fesseln vermochten. Vor Allem köstlich waren dieb Stunden in der Nähe des Städtchens Saló, ein Stück Italien wie wir es kaum herrlicher bei Neapel gesehen haben, sodann ist auch der Ponalefall in seiner tiefen Schlucht ganz wundervoll u Berge c sah ich, wie sie unser Rottmann kaum schöner d schafft. Schau einmal!
[Federskizze: Ansicht vom Gardasee]
Nun was sagst Du? Ist das ein wahrhaft classischer Styl? Das war Saló. Und nun erst die Farbe! –
Dann gings mit dem Dampfer nach Peschiera wo ich von jungen Bauern ein paar || hübschee Volkslieder gelernt habe; dann war ich 2 Tage in meinem alten schönen Verona, wo mir nur ein theilnehmender Freund fehlte um wahrhaft glück- u schönheitstrunken zu werden. Brescia sah ich nur auf wenige Stunden. Es bot sehr Wenig u ist nicht des Aufenthalts werth, zumal wenn man von einer solchen Perle der poesievollsten Romantik kommt, wie ichs that. (Deinen Freund konnt ich nicht erfragen.) So eilte ich denn Mailand zu erreichen nachf dessen Breragallerie ich einen rechten Heißhunger hatte und von hieraus endlich drang ich an einem Sonntag so weit nach Süden, daß g die Appeninen aufs Klarste vor mir lagen. Ich besuchte nämlich das alte Pavia um seine hochberühmte, in tiefer Einsamkeit liegende, Karthäuserabtei, die Certosa zu sehen, ein wahres Wunderwerk der edelsten Renaissance, das mich aufs Tiefste u Mächtigste ergriffen hat. Und hier auch hatte ich nach so langer Vereinsamung wieder die rechte Herzerquickung ein paar liebe || feingebildete warmherzige Menschen zu finden mit denen ich köstliche Stunden verlebt habe; den Prof. Lasius aus Zürich (einen Oldenburger,) ud den Architekten N. Müller aus Darmstadt, Beide h in der Certosa schon wochenlang mit genauem Aufnehmen der Architectur beschäftigt. – . Um nun kurz zu sein ging der Rückweg über den Comosee (leider bei sehr trüber Luft) durchs Veltlin, von Bormio dann zu Fuß übers Stilfser Joch, wo sich mir der Ortler in seiner ganzen Majestät zeigte und schließlich, da ich eilte zu Menschen zu kommen (Landeck links liegen lassend) rasch über Meran u Botzen nach Kufstein. Hier war ich wieder stets mit Voigt u seinem kleinen netten Weibchen zusammen u lernte in Prof. Roth Abends den flottesten Kneipbruder kennen. Seit vorigen Sonnabend bin ich nun wieder in meinem lieben alten München wo i mir im Gasthof zum Stachus unsäglich wohl zu Muthe ist. Montag gehe ich über Stuttgart der Heimat zu aus der ich Dir über meine letzten Reisetage berichten werde. –
So leb wohl Du lieber herrlicher Junge sei mir nicht krank sondern grüße Dein Weibchen u schreib j nach Rechtenfleth
Deinem treuen Hermann. ||
Die 4 Napoleons erhältst Du mit Dank von Bremen zurück. –k
a gestr.: Initiati; b gestr.: einige, eingef.: die; c gestr.: giebt wie; d gestr.: macht; e gestr.: schöne, eingef.: hübsche; f eingef.: nach; g gestr.: ich; h gestr.: sich; i gestr.: mir; j gestr.: mir; k Nachsatz am Kopf von S. 1 nachgetragen