Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 15. Juli 1867

Rechtenfleth d. 15 Jul 1867.

Mein lieber treuer und wieder glücklicher Häckel.

Du mußt verzeihen, daß ich so spät dazu komme, Dein letztes liebes Schreiben mit seiner frohen Kunde zu beantworten. Es hat mich so tief berührt, daß mir die Thränen an den Wangen liefen als ichs las und ich wußte selbst nicht a recht warum diese Thränen hervordrangen. Wars Freude? – wars Wehmut? – Ich mußte immer u immer wieder an Deine liebe herrliche Anna denken und an die glücklichen Stunden, die ich einst mit Euch beiden Reichbeglückten verlebt hatte, auf den köstlichen b Wandrungen nach Kunitz ud über die Horizontale nach Lobeda; dann an den mondhellen Abenden c in den Gärten beim d fröhlichen Abendbrot, oder e daheim bei rechtem Herzensgespräch in traulicher Stube und immer lieblicher und lebendiger trat mir Annas Bild wieder || vor die Seele. – Ich weiß selbst nicht welch ein Strom der verschiedensten Gefühle f mich durchfluthete als ich Deinen Brief las – nur das weiß’ ich daß ich wiederum so recht dabei inne ward, wie namenlos lieb ich Dich habe. – Gebe der Himmel daß Dein altes Glück wiederkehren mag! Das ist Alles was ich Dir sagen kann. Und so das Schicksal es will komme ich im nächsten Sommer (wenn es alle Umstände erlauben) und sehe selber ob Du so glücklich bist, wie ichs wünsche ud Du es verdienst. –

In diesem Jahre werde ich Rechtenfleth nicht auf längere Zeit verlassen dürfen denn als Gemeinde Vorsteher habe ich jetzt so Viel zu thun u zu helfen die alte verrostete Welfenlocomotive wohlgeschmiert in das neue preußische Gleis hinüber zu bringen, daß ich oft nicht weiß wo mir der Kopf steht . ||

Ach und wie mächtig zieht es mich doch wieder hinaus in Wald u Gebirg ud namenlos wandersehnsuchtsvoll wird mir an jedem schönen Morgen ums Herz. – So gut ich kann befriedige ich nun solche Gefühle in den Mußestunden damit daß ich ruhig zeichne u male (aquarellire) u meistens Motive aus dem Süden (Capri, Portici u Girgenti) was mir großen Genuß bereitet u mich aufs Lebhafteste in jene glück- u schönheitsvolle Zeit zurückversetzt. Auch bin ich sehr zufrieden mit meinen Fortschritten ud Du sollst Dich freuen u wundern wie schön g ich das klare Blau des Himmels den tiefen Azur des Meeres, die brütende Sonnenglut auf den gelbbraunen Felsen h seiner Ufer u die ganze still träumerische Stimmung herausgebracht habe, i noch vor dem Winter sende ich Dir eine Probe davon. – Auch ein paar Dichtungen sind mit dem Frühlinge entstanden, davon ich Dir schon jetzt sende: Mein erstes politisches Gedicht. ||

Sonst hab ich Dir nicht Viel zu berichten, denn in einförmiger Thätigkeit ist der Frühling hingegangen, doch manch lieben u intressanten Besuch hat er mir in mein entlegenes Heimatsdorf geführt. So noch jüngst z.B. den Hofbaumeister des unglücklichen Max v. Mexico der j dort fast 3 Jahre zubrachte, dem Kaiser einen prächtigen Palast bauen sollte u ihm zuletzt sehr nahe gestanden hat. Im April d. J. hat er ihn verlassen u kehrte nun über Newyork u Rechtenfleth nach seiner Heimat Wien zurück. Er war ein alter lieber Freund den ich in München gewann. Seine Erzählungen u Schilderungen vom Kaiser u den Zuständen des Landes waren außerordentlich intressant. –

k In einem Brief von Herrn Ufferhardt aus Charleston erhielt ich das einliegende Portrait mit Gruß für Dich von Deinem zoologischen Freunde. l

Gruß u Glückwunsch soll ich Dir auch von meinem lieben Romberg senden, der jetzt mit Gattin u Schwiegereltern die Schweiz bereist. –

Und vor Allem Gruß u Glückwunsch Dir u Deiner Wiedererkorenen

von Deinem treuen

Hermann.

Herzlichen Dank auch für die Photographie Deiner lieben Braut so wie für die Stammtafeln die mich trotztdem ich Vieles nicht verstand doch sehr intressirt haben u eine herrliche Stütze des Darwinismus sind. Welche Freude wird Darwin selbst bei ihrem Anblicke gehabt haben. – ||

Vaterlands Frühling.Ein Lied im Tone Walters v. d. Vogelweide.

Nun möcht ich wieder heben an zu singen

Von vielen hohen, schönen und süßen Dingen,

Das sollt Euch baß erfreuen im Gemüte.Von Himmelsbläue tief und klar ud reine,

Vom goldig warmen Frühlingssonnenscheine,

Von grüner Dämmernacht im tiefen Walde,

Von bunter Blumenpracht auf hoher Halde,

Von Gottes Güte. –

Doch einen andern Frühling will ich preisen

Mit meinen Liedern heut und meinen Weisen,

Der Frühling ists im deutschen Vaterlande.

Nun steht es da so fest, so groß, so mächtig,

Nun steht es da so stolz, so siegesprächtigWie in der Vorzeit thatenreichen TagenDavon wir heut noch singen Viel ud sagen.

Aus ist die Schande. ||

Sein neuer Ruhm ist durch die Welt geklungen,

Von neuem Leben ist sein Volk durchdrungen,

Hoch fliegt sein Aar mit starkem Flügelschlagen.

O brächte dieses neuen Frühlingssonne

Uns nun auch bald der Freiheit ganze Wonne!„Du deutsches Volk, wem hast du dann zu weichen,

Du deutsches Land, wo hast Du deines Gleichen

So thät ich fragen. –

Gedichtet zu

Rechtenfleth in den Marschen

im Juni 1867.

H. A.

a gestr.: xxx recht; b gestr.: Gangen; c gestr.: um alte [?]; d gestr.: traulichen; e gestr.: vertraulich; f gestr.: durch; g gestr.: mir; h gestr.: des; i gestr.: den; j gestr.: im letzt; k gestr.: Durch ein; l gestr.: Mäccardi

Brief Metadaten

ID
8638
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
15.07.1867
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
6
Umfang Blätter
3
Format
14,1 x 22,3 bzw. 14,1 x 21,8 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8638
Beilagen
Gedicht-Ms.
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 15.07.1867; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8638