Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 9. Mai 1867

Rechtenfleth d. 9 May 1867.

Mein treuer Häckel.

Gruß und Händedruck zuvor und ein herzlich Willkommen im Vaterlande. – Dein Briefchen aus Madrid, so klein es war, hat mir große Freude gemacht, denn ich hatte Dich gänzlich aus meinem Gesichtskreise verloren, freilich nicht aus meinem Herzen. In Madeira war ein Freund von mir, Dr Pletzer aus Bremen, der zählte alle Deutschen auf, die mit ihm dort den Winter verbrachten, aber kein Wort von meinem alten lieben Häckel stand in seinen Briefen. Das war mir ganz unerklärlich u fast fing ich schon an zu fürchten, daß Deine weltbekanntea Tollkühnheit im Klettern, Schwimmen Hungern Dir doch endlich einmal irgendwie schlecht bekommen sei ud zwar schon ehe Du die Insel erreicht habest. Um so größer war meine Freude u Überraschung als mir Deine lieben Eltern plötzlich die Briefe des vermeintlich zerschmetterten, von Haifischen gefressenen oder verhungerten Freundes b überreichten mit ihren lebensvollen Schilderungen aus London, Teneriffa, || c Nord Afrika u Süd Spanien. Unsäglich wohl ward mir stets zu Muthe, wenn ich im Hause Deiner lieben herrlichen Eltern war, ich kann Dir gar nicht aussprechen, wie sehr ich mich freue diese d jetzt zu kennen und wie sehr ich sie verehren lernte, Deinen alten ehrwürdigen Vater in seinem Silberhaar auf dessen schönem Antlitz eine ganze Lebensgeschichte voll trefflichen Strebens u Wirkens zu lesen e ist, Deine wackre liebe Mutter, die in ihrer Einfachheit, ruhigen Klarheit und stillen Herzlichkeit das wohlthuendste Bild einer echten deutschen Hausfrau war und endlich Deine famose u einzig nette Tante Berta in die ich f schier verliebt u vernarrt bin. – Lieber lieber Junge! gegen mich Vereinsamten bist Du ja glücklich zu preisen noch solch ein Daheim zu haben. Und aufgenommen ward ich, wie ein naher Freund ud Verwandter des Hauses, daß ich vor g freudiger Rührung fast stumm anfangs war. ||

Noch einmal denn meinen tiefsten Herzens Dank ud Segenswunsch Deinem theuren Elternhause. –

Ungefähr 5 Wochen war ich in unsrer neuen Metropole u kehrte acht Tage nach Ostern wieder in meine stille Marschenheimat zurück.

Ich wohnte wieder in meiner ruhigen Mittelstraße (2) wie früher ud lebte wie ichs einst in Italien zu thun pflegte. Morgens beim Frühstück Zeitungspolitik, dann um 10 Uhr Tag für Tag aufs Regelmäßigste u Gewißenhafteste ins Museum, dann um 2 Uhr zum Mittagsessen bei dem sich stets ein paar Freunde u Bekannte einfanden, dann mit diesen h auf ein gemütlich Plauderstündchen ins Café, dann Nachmitt. Ateliers besucht od. Freunde od. Familien u endlich Abends – einzeln Theater, fast jedesmal Kneipe u zuweilen auch wohl Beides.

Daß ich indeß auch i mitunter den Bauleuten bei ihrer Arbeit uns ein starkes Vaterland zu errichten zugeschaut u zugehört habe, kannst Du wohl denken, j habe ich doch vorher selber ein gut Stück Arbeit davon gehabt, denn ich war Wühler Wähler u Wahlcommissair in einer Person für unseren Bezirk. Dennoch stand mir der Reichstag in zweiter Linie, in erster dagegen die Kunst u liebe Menschen. – Aber erstaunt bin ich davon wie sich Berlin u sein inneres Leben seit den 11 Jahren, da ichs nicht gesehen großartig u wohlthuend entwickelt hat. – ||

Berlin ist ja förmlich reine Bierstadt geworden während die kühlen Blonden, der verfluchte Fusel u ebenso das ganze schnoddrige k specivische Berlinerthum merkwürdig in den Hintergrund gedrängt ist. – Auch neue prächtige Menschen hat es mir gegeben u die alten treu erfinden lassen. – Aus Deinem Kreise habe ich die alte wackre Fr. Professorin Weiss ud das liebenswürdige Beirichssche Ehepaar kennen gelernt. Beirich hatte ich eine längst von mir gemachte höchst merkwürdige Entdeckung mit zu theilen, daß nämlich unter den erratischen l Geschieben meiner Haiden so oft vulkanisches Gestein vorkommt. Auf der Stelle erkannte er dasselbe für eine Doleritlava und war aufs Höchste erstaunt über eine solche Erscheinung; ebenso Pr. Gustav Rose. – Ich bin jetzt darüber aus die Verbreitung dieses Gesteins zu erforschen u Du kannst denken, daß ich glückselig bin auch einmal einen werthvollen Beitrag m zur Geognosie geliefert zu haben. –

Nun ist Frühling u die schönen Tage beginnen. Wie gern reiste ich im Laufe des Sommers einmal wieder nach Jena u lebte n in trauter Herzergießung eine Woche bei Dir u sähe wieder den herrlichen Thüringer Wald in seiner Pracht, auch meinen alten lieben Freund Menke in Gotha besuchte ich gerne u Weimars Künstler. Aber es wird wohl schwerlich angehen, so berg- u wald- und wandersüchtig mir auch ums Herz ist. Bis zum nächsten Sommer werd ich mich gedulden müßen.

Und so leb denn wohl Du lieber treuer Junge, grüß mir Deine lieben Alten u erfreue bald durch einen netten langen Brief

Deinen

Hermann.

a erg. aus: bekannte; b gestr.: zu le; c gestr.: Xxx; d gestr.: Men; e gestr.: war; f gestr.: sich; g gestr.: Rüh; h gestr.: zu; i gestr.: zu; j gestr.: doch; k gestr.: Berlin specifi; l gestr.: Blöcken; m gestr.: da; n gestr.: eine

Brief Metadaten

ID
8637
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Preußen
Datierung
09.05.1867
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
14,2 x 22,0 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8637
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 09.05.1867; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8637