Rechtenfleth d. 3 Septbr
1866.
Mein alter lieber Junge.
Du hast mir mit Deinem Brief eine große Freude gemacht. Ich fand ihn auf meinem Tische liegend, da ich eben erfrischt u angeregt von einem hübschen Ausflug nach Holstein zurückgekehrt war, den ich hauptsächlich unternommen um meinen lieben römischen u florentinischen Genossen den Archaeologen Dr. Detlef Detlefsen zu besuchen welcher jetzt in seiner Vaterstadt Glückstadt Gymnasiallehrer ist. Ich machte in seiner Gesellschaft manchen hübschen Streifzug durch seine Heimatsgegend, besuchte Hamburg ud das alte kunstgeschmückte Lübeck wo ich in tiefen Herzensgesprächen einen unvergesslichen Nachmittag mit dem armen lieben Emanuel Geibel verbracht habe der wie Du nach kurzem hohen Glück ein liebes herrliches Weib betrauert. Einen schönen stillen Sonntag war ich dann in Ratzeburg das mit seinem alten Dome entzückend mitten aus der klaren Flut || des waldumkränzten Sees ragte, dann im alterthümlichen Lüneburg, dann in Celle u Hannover u von dort aus einen Tag bei Freund Knille, welcher auf der neuen Marienburg bei Göttingen mit seinen Wandgemälden beschäftigt war, denn unsre Welfen lassen ruhig weiter bauen u malen als ob im Jahre 1866 Nichts passirt wäre. Genug es waren erfrischende Tage verschönt u reich gemacht durch Natur Kunst u Menschengemüt. Und nun bin ich wieder ganz Vogt u Deichgeschworener von Rechtenfleth welches jedenfalls angenehmer ist als Finanzminister von Östreich zu sein. –
Vielen Dank nun für die Besorgung der Photogr. des Aesopstorsoa nur vermisse ich die Rechnung dabei, welche eine conditio sine qua non war wie Du weißt. Sonst ist sie außerordentlich gelungen u macht mir rechte Freude. Du hast sie grade vom richtigsten Standpuncte aufnehmen lassen, ich hätte es mir nicht besser wünschen können. –
Meinen freudigsten Glückwunsch denn zur Vollendung Deines Buches u Du brauchst Dich wahrlich nicht zu entschuldigen wenn es gelehrt wuchtig u schwer ausgefallen ist. Wünschen wir nur daß b bald sich ein Würdiger u Fähiger finden möge, der die Perlen u Edelsteine darin, || welche Du aus der Tiefe holtest mit kundiger Hand zur Darreichung an das deutsche Volk c schleifen fassen u bereiten kann. – Ob Ihr paar Gelehrten die Wahrheit hebt d das ist ziemlich gleichgültig, die ganze gebildete Welt muß sie besitzen, dann erst hat sie Werth.
Vor Allem aber meinen Glückwunsch, daß Du wieder in die Schönheitswelt unseres lieben Italiens einziehen willst. Ich kann Dir kaum sagen wie sehr mich die Stelle Deines Briefes aufs Tiefste erregt u durchzittert hat mit tausend Gedanken u Gefühlen der Sehnsucht u Erinnerung. Und sei ja einige Wochen des Octobers im alten hochherrlichen Rom denn grade in diesem Monat entfaltet die Campagna eine Farbenpracht die Keiner ahnt, der sie selber nicht genoß. – Und wenn Du irgend kannst wandre auf ein paar Tage einmal in das unbekannte aber herrliche Volskergebirg, über Velletri, Cora nach Norma u dem darunter liegenden wunderbaren Ninfa welches seit dem 13 Jahrhundert von seiner Bewohnern verlassen (wegen des Fiebers) ud nun seitdem dasteht wie Dornröschens Schloß umwuchert u umblüht u umstrickt von e der Fülle u Üppigkeit f || der südlichen Pflanzenwelt, ein wundersames Pompeji des Mittelalters.
Freunde an die ich Dich empfehlen könnte, habe ich gar Keine mehr in Rom. Der ganze Kreis jener lieben Menschen mit denen ich mich der ewigen Stadt erfreut habe ist längst in alle Winde zerstoben u zerflogen. Nur eine einsame liebe alte Frau habe ich dort die Du ja besuchen u ihr einen Brief u Gruß von mir bringen mußt. Es ist g Frau Steinheim deren Gatte der alte Doctor vor einem halben Jahre in Zürich gestorben ist. Du weißt doch, daß wir einmal in Sorrent in ihrer Villa Auriemma bei h ihnen zum Abendbrot waren u so herzliche Gespräche hatten. Du wirst sie leicht erfragen können, denn alle Deutschen in Rom kennen u verehren die liebe alte prächtige Frau die ich Mutter nennen möchte.
Ganz sicher erfährst Du ihre Wohnung beim Bildhauer Steinhäuser (Piazza Barberini) mit dessen Familie sie sehr befreundet ist. Nicht wahr mein Junge, den Liebesdienst erzeigst Du mir, Du machst der alten Frau wie mir eine große Freude dadurch. Aufträge zu Besorgungen habe ich nicht weiter. i Nur wenn Dir einmal ein antikes Terracottenfigürchen oder Köpfchen od. auch nur Bruchstück in die || Hände fallen sollte ud Du es für ein paar Paoli bekommen könntest, so denke an mich. Ich habe große Freude an diesen Dingen, die den unmittelbaren u frischen Ausdruck alter Kunstbestrebung an sich tragen u daher außerordentlichen Reiz haben. Da wohnt in der ersten od zweiten kleinen Gasse die oberhalb der Piazza Colonna (oberhalb heißt hier nach dem Capitole zu) vom Corso zur Fontana Trevi führt ein Goldarbeiter, (mit Ladenfenster) der solche kleinen Terracotten in Menge hatte u sehr wohlfeil damit war. Ein reizendes Venusköpfchen aus bester Kunstperiode habe ich von ihm für 2 Paoli gekauft. Hast Du also einmal ein halb Stündchen übrig so sprich doch bei dem Manne vor im Fall er noch dort ist. Du findest ihn nach beistehender Planscizze leicht.
[Skizze eines Plans von „Piazza Colonna“ und „Corso“ nebst Exponenten a und b]
a. Cafe Colonna j in dessen Hinterstübchen einst die weltberühmte Clique gleichen Namens ihre Sitzungen allabendlich hielt.
b, Haus wo Terracotten zu haben waren, vielleicht aber wohnte der Goldarbeiter auch noch eine Straße weiter nach dem Capitol zu. ||
Willst Du denn k unser Neapel nicht auch wiedersehen, unser liebes Capri und das erweiterte Pompeji, ud unsre Wohnung auf Santa Lucia ud unserenl süßen lieben Pöbel der uns so manche Stunde der Unterhaltung gewährt hat? – Von Rom nach Neapel sinds jetzt ja nur 6 bis 7 Stunden mehr u die Bahn fährt durch höchst intressante malerische Gegenden. Das solltest Du doch thun. – Für Messina habe ich Wenig lntresse, auch kenne ich Keinen dort. Sende mir aber von dorther ja einen Brief im Laufe des Winters, dann soll auch Dich ein langer erfreuen. Vor Allem melde mir was Du in Rom genossen hast. – Endlich noch Eins. Du versprachst mir einmal m das Manuscript Deines Vortrags über Ischia u Capri zu senden. Thus doch ja, ehe Du fortgehst, ich trage großes Verlangen darnach, welches gerade in diesen Tagen n recht lebendig geworden ist da ich mit einem Aquarell beschäftigt bin das ein caprisches Motiv behandelt. –
Mit Politik will ich den Raum meines Briefes nicht anfüllen, denn ich wüßte Dir nichts Neues mitzutheilen und einen Leitartikel zu schreiben dazu habe ich weder Lust noch Talent. Daß ich mich über den mächtigen Ruck den die Weltgeschichte in Deutschland gemacht hat von ganzem Herzen freue weißt Du im Voraus und auch o || in die Zukunft schaue ich getrost u voll Hoffnung. Nun muß Preußen nur offen ud ehrlich die Bahn des echten Constitutionalismus innehalten u Virchow nebst Consorten müssen ihr ewiges Nergeln und Krakelen lassen damit keine Erbitterung wieder entsteht; dann kann noch Alles herrlich werden denn die aufsteigenden Wolken im Westen p fürchte ich nicht sehr, sie können möglicherweise sogar für die Sache der Einigung Deutschlands von großem Nutzen sein.
Und laß nur erst unser Parlament sich gut gestalten, Du sollst einmal sehen wie dann die Baiern u Schwaben eilen werden sich anzuschließen ud dann noch ein tüchtiger Ruck der q dem alternsmorschen Thron der Habsburger den Rest giebt und auch das deutsche Oestreich ist unser. –
Ich will schließlich hoffen daß Du Dich in der Seele r darüber freuen sollst, wenn Du im nächsten Frühlinge reich an Schätzen der Wissenschaft s wieder ins Vaterland kehrst, wie wir unterdeß Alles prächtig u practisch eingerichtet haben werden. – ||
Mich beschäftigt jetzt t wieder nachdem sich die Aufregung durch die großen Ereignisse etwas wieder in mir gelegt hat, eine kleine archäologische Arbeit, u eine Zusammenstellung der römischen Funde in den Küstengegenden derv deutschen Nordseeländer zu der mich ein schönes antikes Thongefäß, welches in der Nähe von Bremen w ausgegraben wurde, x angeregt hat. Auch denk ich fleißig wieder zu zeichnen und auch Du sollst davon profitiren. Vorläufig nimm mit der beifolgenden Rolle vorlieb und möge das Blatt Dir eine freundliche Erinnerung an Rechtenfleth u die bei mir verlebten Tage [sein], freilich wirst Du dadurch auch an Deine damalige Cholerine erinnert, die Dir einen solchen Strich durch die Rechnung machte u uns Beiden Manches verdarb. Aber Du mußt noch einmal wiederkommen, schon damit ich die Neuenburger Urwaldspracht kennen lerne und dann um der armen Bestie y in meinen Waßergräben willen, die sehnsuchtsvoll ungeduldig nach Entdeckung u Namen verlangt, was Du Beides ihr ja fest versprochen hast. Doch erst sollst Du unser schönes Italien wider schauen, so grüße mirs denn von Herzen u z schwelge wieder in seiner Schönheitswelt in vollen Zügen, ud kehre reich belohnt u befriedigt heim ud denke u schreibe auch einmal an den, der während dessen einsam am fernen Weserstrande im grauen kaltstürmenden Norden sitzt, an
Deinen
treuenHermann
Den Brief an Frau Steinheim begleitet eine zweite Ansicht meines Hauses, die Du wohl gütigst mitnimmst. –
a korr. aus: der Aesopsbüste, b gestr.: es jetzt; c gestr.: zu der bereiten möge; d gestr.: daß; e gestr.: einer; f gestr.: einer fabelhaften; g gestr.: die alte; h gestr.: Ih; i gestr.: We; j gestr.: meist Sitz; k gestr.: höcht [?] auch; l gestr.: all den; m gestr.: Deinen Vor; n gestr.: noch durch; o gestr.: getrost; p gestr.: können; q gestr.: das; r gestr.: freuen; s gestr.: her; t gestr.: seit; u gestr.: die; v versehentlich gestrichen: der; w gestr.: gefunden; x gestr.: anregte; y gestr.: will; z gestr.: sehr genau [?];