Rechtenfleth d. 8 Jul 66.
Mein alter lieber Häckel.
Seit Monaten bin ich Dir einen Brief schuldig u mich drängt es wieder mit Dir lieber Junge ein paar Worte zu wechseln ud am liebsten wäre ich jetzt selbst bei Dir. Die Weltgeschichte ist also wieder einmal a in Gang gekommen und hat bereits in den wenigen Wochen einen hübschen Ruck b vorwärts gethan. Mit wahrer u freudiger Erhebung bin ich Preußen auf seinem energischen Siegesgange gefolgt, mit Jubel habe ich das Zusammenbrechen unseres alten grundfaulen Welfenthums begrüßt, c ein fröhliches Halloh u Hurrah dem edlen Diedrich von Hessen nach Stettin nachgerufen und mit Freuden sogar meinen dreifach erhöhten Steuerbetrag welchen die Kriegscontribution veranlaßte zur Kasse geschickt aber was wird nun, seit Östreichs ehrlosem Streich mit Venetien.
Sollte wiederum so viel Blut vergebens geflossen so viel Jammer u Noth vergebens herauf beschworen sein? sollte wieder noch immer nicht das Ziel der Einheit u Macht unseres Vaterlandes || erreicht werden; sollte wieder nur ein fauler Frieden d Halbheit u Jämmerlichkeit herbeiführen u die eben in Herrlichkeit aufgesproßten Lorbeeren schon wieder elend welken machen, sollte endlich wie einst abermals die verfluchte Diplomatie zu Nichte machen was auf blutiger Wahlstatt glorreich u schwer errungen ward? – Ich fürchte wirklich jetzt mehr als ich hoffe, seitdem Napoleon wieder seine Hand dazwischen hält, denn ihm wie jedem Andern muß es e jetzt sonnenklar werden, ein einheitliches Deutschland mit preußischer Spitze würde dem halben Europa Trotz bieten können. – Vor Allem gespannt bin ich darauf, was unser liebes Italien thun wird, ob es jetzt mit Frankreich unterhandelt oder, getreu seinem Bündniß mit Preußen, nicht abläßt Östreich zu bekämpfen bis das Ziel erreicht ist. – Verdutzte Gesichter aber mags gegeben haben ob || Östreichs unerwartetem Schachzug. –
Doch wozu mit solchen Betrachtungen den Raum dieses Blattes anfüllen. Mich verlangt vor Allem darnach zu wissen wie es Dir geht, was Du treibst, ob Du Deine Darwinsarbeit bald vollendet hast, wohin Du zu reisen denkst (Nizza, Messina Algier od. Island) u endlich wann Du Deine Reise antrittst ud auf wie lange. An den sonnigen Ufern des blauen Mittelmeers wie gern möcht ich Dich dahin begleiten wenns anginge. Aber es geht nicht. Mein ganzes Herz schwillt auf in Sehnsucht, wenn ich an jene Schönheitswelt denke, die uns Beiden vereinte. Heute am 8 Juli ist der Jahrestag jener schönen Fahrt zum Scoglio di Virgilio wo wir die kleine „afrikanische“ Insel Grajola zeichneten, in der Eremitenhöhlef ruhten, dann oben auf der Höhe die antiken Theater entdeckten die kein Archäologe kennt, und Abends in der romantischen Frisokneipe in den Trümmern || des Schlosses der Königin Johanna unser Pranzo nahmen; es ist derselbe Tag an dem die armen Schweitzer von ihren Landsleuten mit Kartätschen niedergeschmettert wurden. Das war der Anfang vom Ende.
Von mir kann ich Dir jetzt nicht Viel berichten. Ich lebe meine Tage in gewohnter Weise fort. Reisen will ich diesen Sommer gar nicht, mir fehlt Lust wie Geld dazu, auch hält mich eine Schleusenreparatur als Gemeinde Vorstand. Solche Dinge kommen bei Dir nicht vor. Detlefsen ladet mich sehr ein ihn in den Hundstagsferien zu besuchen u mit ihm Holstein u Schleswig zu durchstreifen aber ich werde ablehnen. Die nöthige Harmlosigkeit zum Genießen habe ich auch nicht; bei mir aber hätte ich gern ein paar Freunde zu Besuch. Vielleicht kommen Knille u Dörnberg im Herbste. Der erstere schrieb mir Ostern einmal ganz entzückt von Dir u hat jüngst wieder ein paar wundervolle Gedichte auf mich gemacht, davon ich Dir bald das Beste senden will: Bernolef II. das Dich weidlich ergötzen soll. – In Betreff des Aesop so bedarfs nur einer Photographie von etwa doppelter Visitenkartengröße. Ich wollte sie zu einem Vortrage im Bremer Künstlerverein benutzen Über die Darstellung des Häßlichen in der Kunst“ || wozu ich bereits auch andre Beispiele gesammelt habe. Meines Wissens nach ist dieses Thema noch wenig behandelt. Du sollst mir aber gleich die Kosten per Postvorschuß entnehmen sonst laß es ja. – Am Liebsten dreiviertel Profil, und ganze Figur, nicht bloß Antlitz, damit auch der Höcker etwas zu sehen ist.
Hat der junge Kanoldt seine Arbeit über den Haßbruch u Hude fertig? Das Muhlesche Buch möchte ich aber gern wieder haben d. h. es eilt damit keineswegs aber weil es im Handel nicht mehr zu haben ud das Beste was über Hude existirt, so schlecht es an manchen Stellen auch g sein mag. –
Ich war gerade beschäftigt an meine „Römischen Schlendertage“ die letzte Hand zu legen um sie druckfertig zu machen als die Weltgeschichte ihren || ersten Ruck wieder that u die Preußen in unser geliebtes Hannover mit Hurah einmarschirten. Fortan war an kein Schreiben mehr für mich zu denken, u wer möchte jetzt auch solch harmlose Blätter lesen, doch ich freue mich, daß ichs nun so fertig liegen habe.
Sobald ich Ruhe, Stimmung u Muße dazu habe gehe ich an meine nächste Arbeit, über die Spuren der Römer in unseren Küstenländern, dazu ich schon allerlei hübsches Material gesammelt habe. –
Und nun mein Junge, leb wohl ud behalt ferner lieb Deinen treuen
Hermann Allmers.
Gehst Du nach Italien, so muß ich Dir noch ein paar kleine Aufträge geben, schreib mirs also zeitig vorher. –
a gestr.: recht; b gestr.: geth; c gestr.: mit; d gestr.: die alte [?]; e gestr.: klar [?]; f korr. aus: Emeritenvorhöhle; g gestr.: ist