Rechtenfleth. 6 Spt. 65
Mein herzlieber Junge.
In fester Hoffnung, Du würdest die Naturforscherversammlung in Hannover mitmachen, hatte ich grade einen Brief an Dich, der Dich dringend zu mir einlud nach Süden dirigirt als mir der Deine aus Norden, a von unserm deutschen Capri in den Rücken kam u mich nicht wenig freudig überraschte.
Also ich soll doch die Freude haben Dich lieben treuen Gefährten u Genoßen glückseliger Tage gastlich unter meinem Dache auf dem alten Sitz meiner Väter in meinem lieben stillen Heimatsdörfchen zu haben. Du ahnst nicht wie selig mich das macht. Dann wollen wir schwelgen || b [in] süß-schmerzlichen Erinnerungen, meine Kunstwerke zusammen genießen, meine Heimatsfluren durchstreifen, gemeinsam in einer Kammer schlafen u die halbe Nacht durchschwatzen c genug den Becher der Freundschaft kosten wo u wie wir nur können. – Gebe der Himmel uns nur so köstliche sonnengoldne Herbsttage wie der heutige ist.
Du willst also wissen wie d Du mich erreichst?
Von Bremerhaven fährst Du mit dem Bremer Dampfer stromaufwärts bis zur Station Sandstedt. Hier springst Du ans Land und wanderst eine kleine halbe Stunde || auf dem Deiche nordwärts bis zum ersten Dorfe, in welchem Dir hart am Deiche selbst bald ein hohes weißes alterthümliches Gebäude aus dem Grün der Bäume mit seinem Zinnengiebel entgegen schauen wird:
Das ist mein Haus da kehre ein
Und wohne unter meinem Dach.
Ich habe Brot ich habe Wein,*Ich gebe was mein Haus vermag
Das Beste doch in Ernst u Scherz
Sei unser treues Freundes-Herz.
So leb wohl dennauf fröhlich jubelvolles Wiedersehen.
(hier od. gar noch vorher dort?)
Dein
Hermann
*Benedettino sogar noch.
a gestr.: aus; b gestr.: sch; c gestr.: u; d gestr.: man, eingef.: Du