Rechtenfleth d. 18 Nov. 64
Mein treuer Haeckel.
Und nun einmal wieder zu Dir, mein Junge, mit dem ich so lange a kein traulich Wörtchen geredet habe. Es hätte schon eher geschehen sollen, indeß wie sehr michs auch drängte es wollte doch nicht die rechte Stunde dazu erscheinen. Mit großer Freude habe ich Deinen Darwinismusvortrag erhalten u gelesen und mich recht gefreut über dessen schöne Anschaulichkeit. Wann erscheint denn Dein Buch darüber? Ich hoffe doch noch b im Laufe dieses Winters mich daran laben zu können. Vor Allem aber bin ich begierig c von Deiner Schweizerreise zu erfahren, was Du erlebt u geschaut hast, wie weit Du gekommen bist. –
Ich habe mein Rechtenfleth kaum verlassen. Es war fort u fort ein trüber, rauher, regnigter unheimlicher Sommer wie ich kaum je einen d gesehen habe. Ich habe tief Niederdrückendes u sehr Schönes erlebt, ob auch im Allgemeinen die Tage in Stille u Einförmigkeit hinflossen. ||
Ich weiß nicht ob ich Dir einmal erzählt habe, daß ein Jugendfreund von mir ein junger Landwirth (von Darteln) e eine Pflegeschwester von mir heirathete, und da nicht Vermögen genug da war um ein Gut zu kaufen auf meinen Rath in der Nähe Bremerhafens eine Bierbrauerei anlegte. Er hatte zu kostbar gebaut, es blieb f ihm ein viel zu kleines Betriebscapital. Dazu kamen schlechte Zeiten u widerwärtige Umstände – sein Credit war bald zerstört sein gänzlicher Bankrott vor der Thüre. Es that mir tief weh im Herzen, ich allein hatte ihn ja veranlaßt ein solch Geschäft anzufangen. Ich fühlte g daß es jetzt auch meine Pflicht sei ihn nicht in der Noth zu verlassen. Da trat ich hinzu, gab eine entsprechende Summe her u ließ um auch seinen gesunkenen Credit wieder aufzurichten mit meinem Namen als Compagnon dem Geschäfte bei. Es geschah nur in reinster Absicht ihm zu helfen denn er ist treu u brav, auf allen u jeden Gewinn verzichtete ich von vorn herein. –
Aber ein Mißgeschick lastete von Anfang bis zu Ende drauf. h Ich will Dich verschonen mit all den Widerwärtigkeiten, den Verlusten, mit Aufzählung der Betrügereien die vorkamen, der Summen die es verschlang der Schulden die sich darauf häuften i || , der Sorgen j meines armen Freundes, der Thränen meiner kleinen Pflegeschwester – es waren zehn peinvolle Jahre. In der lezten Zeit aber als der amerikanische Krieg auch in Bremerhaven lähmend auf Handel u Verkehr lastete ging es mit Riesenschritten dem Abgrunde zu trotzdem mein wackrer Freund mit übermenschlicher Kraft Tag aus Tag ein arbeitete u k sich auf rührendste Weise einschränkte. –
Jetzt ist Alles aus. Er ist ganz arm und steht mit Weib u Kindern rathlos da u ich habe einen schönen Theil meines väterlichen Erbes l verloren. – Bis jetzt habe ich Dich mit meinen Klagen verschont aber glaube mir – so etwas kann einen wohl niederdrücken u die Fröhlichkeit rauben. –
Wär ich jetzt nur die unglückselige Brauerei vom Halse so gings noch. Aber weder Pächter noch Käufer haben sich gemeldet trotz aller Bekanntmachungen, aber es ist so lange jenseits des Oceans kein Friede kommt auch hier alles muthlos. Von Darteln geht wohl mit seiner Familie nach Wisconsin. – .
Verzeihe mir wenn ich Dich mit meinen Lamentationen gelangweilt haben sollte, darum nun von besseren u schöneren Dingen. ||
Viel lieben u längerweilenden Besuch hat es diesen Sommer bei mir gegeben, wenn auch einer der liebsten Menschen diesmal noch nicht darunter war. – Unter anderen war auch mein lieber Romberg (der Freund v. Betzolts) mit seinem reizenden Weibchen mehrere Wochen hier, dann mein m genialer Historienmaler Otto Knille u endlich mein treuer v. Dörnberg den Du ja auch kennst u der noch hier ist. – Daß ich im Neubau meines lieben Elternhauses einen historischen Saal einrichte der mit Bildern aus der Geschichte meiner freien Marschenheimat geschmückt werden soll habe ich Dir erzählt. Otto Knille hat jetzt das erste große Bild darin gemalt „Die Landung des Drusus“ Es ist ein wundervolles Werk geworden in der Composition wie im Colorit und namentlich höchst intressant durch den köstlichen Kontrast der braunen Krieger Roms mit den halbnacktenn frischen blondhaarigen Chauchensöhnen, welche aus ihrer armseligen Fischerhütte kommend mit Staunen die fremd gekleideten Männer des Südens auf ihren Schiffen nahen sehen. Wenn gleich diesem in der Technik etwas nachstehend doch nicht minder o anziehend ist Dörnbergs Bild „Einführung des Christenthums in den Marschen durch den bremischen Bischof Wilhadus“ Es ist ein Werk von großer Innigkeit u Wärme und jetzt auch der Vollendung nahe. Doch auch wenn er fertig ist wird er noch einige Zeit || meine Einsamkeit theilen, denn auch meine liebe selige Mutter malt er nach einer Photographie und ich selbst male unter seiner Aufsicht eine Landschaft aus der römischen Campagna. Knille dagegen ist in Bremen wo er Aussicht hat p Aufträge q zu großen Fresken für den neuen Prachtbau der Börse zu erhalten. Dort soll nämlich in einem Cyclus von Bildern die Entwicklung des Handels u der Schifffahrt als Träger der Cultur dargestellt werden von den Phöniciern an. Den Hauptsaal aber soll das größte dieser Bilder schmücken, Die Entdeckung Amerikas, es wird auch r zuerst gemalt. –
s Meine historischen Marschenbilder laß ich wohl später photographiren ja ich möchte sie wenn t der ganze Cyclus vollendet ist wohl u für meine Heimatsgenossen als ein Heft Holzschnitte mit selbstgeschriebenem Text herausgeben. – Aber am meisten freue ich mich schon v auf die Stunde wo ich meinem lieben Haeckel Alles zeigen kann u ihn ruhig || ein paar glückliche Wochen unter meinem Dache haben kann. Das soll eine schöne Zeit werden. Dann bin ich hoffentlich die Unglücksbrauerei los u habe Alles überwunden d. h.w wenn ich auch weiß daß es meinem armen Freunde besser geht.
Hab ich Dir schon früher geschrieben daß ich hie u da mein Haus mit selbst verfaßten Sprüchlein geziert habe? Über den Statuetten Dürers u Raphaels steht:
Wer die vieledle Kunst verachtet
Wohl selber nicht nach Edlem trachtet.
Oben in einem altdeutschen Erkerstübchen das Du bewohnen sollst ließ ich schreiben
Jegliche Lust wird alt u verblüht Doch nimmer die Freude am Menschengemüth.
Und endlich unten in der großen alterthümlichen Halle liest man die Worte:
Starkes Herz in Noch u Streit
Weiches Herz bei fremdem Leid
Frisches Herz für jedes Schöne
Treues Herz zu aller Zeit.
Auch Dir ein treues Herz mein Haeckel. Behalt auch Du lieb u schreibe bald
Deinem Hermann.
(Herzlichen Gruß von Dörnberg)
a gestr.: nicht; b gestr.: es; c gestr.: zu; d gestr: erleb; e gestr.: dessen Ve; f gestr.: ein nur; g gestr.: mei; h gestr.: freilich; i gestr.: . Es gin Du; j gestr.: und; k gestr.: der; l gestr.: eingeb; m gestr.: der, eingef.: mein; n eingef.: halbnackten; o gestr.: inter; p gestr.: große; q gestr.: für; r gestr.: das; s gestr.: Wen; t gestr.: Alle; u gestr.: für xxx; v gestr.: darauf; w eingef.: d. h.