Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 7. April 1864

Rechtenfleth d. 7 Apr. 1864

Mein theurer Häckel.

So habe ich denn nun auch von Deiner lieben Hand die trauervollen Zeilen erhalten. – Obgleich ich selbst nicht eben Viel zu schreiben weiß, was Dich jetzt intressiren kann, so will ich dennoch nicht damit säumen, damit Du meinen Brief noch am Ufer des blauen Mittelmeeres erhältst, wo Du nun vereinsamt umherwanderst ud wehmüthig a wohl oft der glücklichen Tage gedenkst, die b wir Beiden in trauter Gemeinsamkeit so manche Stunde dem dumpfen Wogengesange lauschten.

Daß Du in solcher Veranlassung so bald schon den Strand des Meeres wieder betreten würdest, ahnten wir damals nicht. – Wenn ich doch jetzt bei Dir c sein könnte, was gäb ich drum. Wenn schon früher, wie Du ja weißt, d der Verkehr mit mir wohlthuend, anregend ud erfrischend auf Dich gewirkt hat, so wollte ich erst jetzt meine ganze Seele daran setzen Dich mein armer Junge, dem Leben und der Welt wiederzugeben. Wie wollten wir einst klettern ud wandern, am Ufer ruhen u aufs Meer fahren, von vergangenen Tagen, vom deutschen Vaterlande und von der lieben Todten reden e deren verklärtes Bild uns immer nahe sein sollte. Den vollen Becher der Freundschaft wollte ich Dir reichen, vielleicht daß Dein tiefkrankes Herz Heilung daraus tränke ud Dein herbes Weh milder würde. – Nicht sollst Du Deine Thränen || zurückdrängen, nein gewiß nicht, sondern weine täglich Deinen Schmerz aus, denn wer ist der Thränen werther als die Hingeschiedene; nur wappne Dich mit aller Macht gegen diese hinbrütende, geistlähmende Apathie in die Du zu fallen drohst, f die eben ist gefährlich, während dem jähesten u tiefsten Schmerz stets die wohlthuendste Reaction folgt. – Indeß so schnell nach g Deinem Verluste fort und nach dem Süden zu reisen hätte ich nimmer u nimmer gethan. Ich hätte mich von den Räumen u Gegenständen die einst Zeugen meines Glückes waren nicht gleich trennen können, nun wird die Wiederkehr zu ihnen doppelt entsetzlich h sein ud die kaum verharschte Wunde i mit neuer Qual wieder j aufreißen. Aber wie Balsam muß Dir doch die allgemeine tiefe Theilnahme sein, die Dein Geschick findet. Überall u Überall, in Bremen, wo Du so liebe wackre Menschen hast und auch hier unter meinen Bekannten ist ein so aufrichtiges warmes Mitgefühl, daß es mir in k tiefster Seele wohlgethan hat. –

Und l warmen Dank jetzt mein theurer Junge für das schöne Aquarell, das Denkmal m so glücklich durchschwelgter Tage. War doch unser Aufenthalt auf Capri der Glanzpunct unsrer gemeinsamenn Vergangenheit. Es ist überraschend schön || und wahr in der Farbe und sein Anblick hat mich mit Rührung erfüllt, daß ich die Thränen nicht zurückhalten konnte. Nocheinmal tausend u tausend Dank dafür. – .

Ich selbst habe fast gar Nichts diesen Winter gezeichnet oder gemalt, nur ein paar Dichtungen sind entstanden und ein Stück an den römischen Schlendereien geschrieben worden, sonst ist der Winter ziemlich unfruchtbar gewesen. Die letzteren macheo ich nun p druckfertig, so daß das Büchlein sicher im nächsten Herbst erscheinen wird. q Als Verleger haben sich bereits mehrere angeboten unter denen ich noch wählen muß. Ich hätte Lust es – Otto Wiegand zu geben ud sinne jetzt über eine passende landschaftliche Titelvignette dafür nach. – Wenn Wiegand r der Verleger wird so reise ich wohl im Laufe des Sommers nach Leipzig um mit ihm Näheres zu besprechen u komme dann auch sicher zu Dir. Aber wie wär es, wenn Du, etwa in den Herbstferien, auch s einmal zu mir undt mit mir dann weiter u z.B. nach Helgoland streiftest?

v Wie gerne zeigte ich Dir doch auch meine liebe Heimat u mein theures Elternhaus, die Stätte meiner Jugend. Wir müßen Alles noch in der Folge, wenn Du wieder in Jena bist, besprechen. ||

Die letzte Seite meines Briefes benutze ich um Dir mein letztes kleines Gedicht w mitzutheilen. Ein rührender Brief x eines treuen ehemaligen Knechtes aus Australien voll Heimweh u Sehnsucht nach mir war die Veranlassung dazu. Hier ist es:

Und findst du einen treuen Freund

Seis wo es sei, seis wer es sei, Sei stolz darauf ud freue dich Und sag es laut und sag es frei.

Und ob er ist ein Königssohn

Und ob er ist ein armer Knecht

Sei stolz darauf ud halt ihn hoch

Und lieb in treu ud lieb ihn recht.

Ein Kleinod ist ein treues Herz

Und wenn man dirs entgegen trägt,

Sei stolz darauf und frag nicht lang

In wessen Mannes Brust es schlägt.

Mag es nicht eben bedeutend u tief sein, aber es ist aus meiner tiefsten Seele hervorgeströmt. So leb wohl lieber treuer Junge. Mit Herzensgruß und Händedruck

in unveränderter Liebe

DeinHermann.

a gestr.: der; b gestr.: uns; c gestr.: wäre; d gestr: mein Ver; e gestr: Bil; f gestr.: das; g gestr.: ohne; h gestr.: u xxx; i gestr.: wie; j gestr.: offn; k gestr.: der; l gestr: wahres; m gestr.: gl; n eingef.: gemeinsamen; o gestr: lege [?], eingef.: mache; p gestr: xxx; q gestr.: Im; r gestr.: wirklich; s gestr.: einmal; t Dittographie (ud und) gebessert; u gestr.: etw; v gestr.: Wie mei; w gestr: zu; x gestr.: voll

Brief Metadaten

ID
8626
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Hannover
Datierung
07.04.1864
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
14,1 x 21,9 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8626
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 07.04.1864; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8626