Rechtenfleth d. 24 Fbr 64.
Morgens 8 Uhr.
Mein Haeckel! Mein lieber theurer Junge. Womit beginne ich nun Dir auszusprechen was mein Herz durchbebt. – Eben, in diesem Augenblick, habe ich die Anzeige in der Weserzeitung gelesen. Und grade heute wollte ich an Euch, Ihr beiden lieben Menschen, schreiben und alle mit Euch a vereint genossenen Stunden standen wieder mit ihren schönen herzerfreuenden Bildern von Berg u Thal, Wald u Wiesengrund, ud vor Allem vom lieben trauten Wohngemach leuchtend u freundlich vor meiner Seele. Da drängten sich plötzlich die entsetzlichen schwarzen Zeilen kalt u jäh dazwischen, || daß ich anfangs kaum meinen Augen trauete.
Du armer armer Junge, was hast Du verloren.
Mit den sogenannten Worten des Trostes wie sie die Frommen ud Gläubigen für einander haben können wir uns Beiden b nicht helfen. So weine denn Deinen Schmerz aus ud freue Dich c in Deiner Vereinsamung, daß sie derd Thränen ud eines großen Schmerzes werth ist.
Wie lieb mir Deine Anna war, wie hoch ich sie geschätzt ud wie so recht glückselig ud befriedigt die Stunden mit Euch Beiden e mich machten – immer ud immer || muß ichs Dir wiederholen und ich weiß wie es Deinem Herzen wohl thut, daß ichs Dir auch jetzt zurufe. – O daß ich jetzt bei Dir wäre, Dir um den Hals zu fallen ud mit Dir zu weinen und dann lange mit Dir in f Eurem lieben schönen Wohngemach zu sitzen ud von ihr zu reden. –
Das Beste aber hoffe von der Zeit die Alles lindern u heilen kann. Du sollst sehen, wie nun Anna’s Bild fortan immer reiner, verklärter, freundlicher u herrlicher Dein treues Herz erfüllen ud erfreuen wird und den jähen, namenlosen u brennenden Schmerz auflösen wird in eine, fast wonnige, Wehmuth. || Als ich meine Mutter verlor g habe ichs auch erfahren.
Und nun bitte ich Dich, schreib mir doch bald einmal von ihren letzten Tagen ud von ihrem Hinscheiden, daß ich doch etwas andres von Dir habe als die gedruckten Worte. – Noch jüngst sprach ich in Bremen lange mit Focke von Euch u Eurem Glücke ud davon welch ein prächtig Weibchen Dir zu Theil geworden sei u von den Tagen u Wandrungen mit Euch im vorigen Sommer – .
Willst Du mich in diesem Jahre nicht besuchen? Wenn Du meinst daß es Dir wohlthun wird so komm doch mein armer Junge. – Hast Du noch eine kleine gute Photographie von Anna übrigh bitte so schicke sie mir. i Auf dem Bilde, das Euch Beide darstellt, hat sie ein so krankes Ansehn. –
Genug für jetzt. Noch einmal einen Herzensgruß u Händedruck von Deinem treuen
Hermann.
a gestr.: ge; b gestr.: nie; c gestr.: daß; d korr. aus: des; e gestr: im g; f gestr.: De; g gestr.: gi; h eingef.: übrig; i gestr.: Das Bild